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G E S C H I C H T E      L I N K S      


GESCHICHTE

 

 

 

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1. Zur Geschichte des Ortes und seiner deutschen Einwohner  

Verfasser: Johann Bappert


2. Zur Geschichte der Katholischen Kirche und Pfarrei Kleinbetschkerek 1786 - 1811 - 2011

Verfasser: Johann Bappert


3. Die Flucht der Kleinbetschkereker vor 75 Jahren

Verfasser: Johann Bappert


 

Johann Bappert

1. Zur Geschichte des Ortes und seiner deutschen Einwohner

 

Die Gemeinde Kleinbetschkerek (rumänisch: Becicherecu Mic, ungarisch: Kisbecskerek, serbisch: Mali Bečkerek) liegt in der Banater Tiefebene, 17 km nordwestlich von Temeswar entfernt. Die Koordinaten sind: 45° 50′ N, 21° 3′ O und die Höhe über dem Meeresspiegel der Adria beträgt 79-88 m. Kleinbetschkerek liegt an der DN6 (Temeswar - Großsanktnikolaus), der früheren Wiener Reichsstraße. Nachbarorte sind: Neubeschenowa (O), Sackelhausen (S), Kleinjetscha (W), Großjetscha  (W), Billed (NW), Hodoni (NNO), Knees  (NNW), Mercydorf  (NO).

Der Ort wird 1232 als „terra Potkerequ“ zum ersten Mal erwähnt.[1] Die Ortsbezeichnung „Pechkereky“ taucht danach wieder 1334 in den päpstlichen Registern der Jahre 1332-1337 auf.[2] Karl von Möller[3] und Johann Rech[4]  nennen für die gleichen Quellen die Ortsbezeichnung „Bekkereky“ bzw.: „Pechkereky“. Zitat: „Nicolaus de Bekkereky solvit 8 grossos“. Gemeint ist ein Pfarrer namens Nikolaus, der 8 Groschen Steuer ablieferte. Auch 1462 wird „Pechkereky“ erwähnt.[5] Der Ortsname leitet sich vom ungarischen Personennamen „Becs“ und dem Ortsnamen „Kerek“ ab, was in der finno-ugrischen Sprache „rundes Gehölz“ (auch Wald) bedeutet.[6]

Beweise von frühzeitigen Siedlungen liefern mehrere Funde, die zufällig oder bei archäologischen Grabungen an den Anhöhen im Nordwesten („Berch“) und Südwesten („Kaiserhiwl“) gemacht wurden. Steinwerkzeuge belegen die Siedlungen aus der Jungsteinzeit. Gold- und Silbermünzen aus der Zeit Philipps II. und Alexanders des Großen, aber auch römische Denar Münzen zeigen, dass der Ort sowohl in dakischer, als auch in römischer Zeit bewohnt war.[7]

Es folgen in der Banater Geschichte trübe und unruhige Zeiten. Nach der Schlacht von Mohács (1526) gerät der südliche Teil Ungarns unter türkischen Einfluss. 1552 wird auch die Festung Temeswar von den Türken erobert. Erst 1716 gelingt es Prinz Eugen von Savoyen in der Schlacht von Peterwardein, das Banat wieder zu befreien.

Zu den ersten Einwanderern ins Banat zählen die Serben. Schon 1494, als dem ungarischen Heerführer Paul Kinizsy ein Überraschungsschlag gegen die Türken gelingt, folgen ihm tausende serbische Flüchtlinge über die zugefrorene Donau nach Ungarn. Ebenso fliehen 1690 unter dem orthodoxen Patriarchen Arsenje Crnojeviae ca. 200.000 vor den Türken über die Donau in das Gebiet des Banats und der Batschka. Einige dieser Familien kommen nach Kleinbetschkerek und gründen hier eine eigene Siedlung, die später als „Raitzisch“ (serbisch) Kleinbetschkerek mehrfach erwähnt wird und bis 1808 eine eigene Verwaltung besitzt.

Erst 1718 nach dem Frieden von Passarowitz wird das Banat Habsburger Kronland mit der Bezeichnung „kaiserliches Temescher Banat“.

Die ersten deutschen Kolonisten kommen ab 1717 ins Banat. Zwischen 1722-1736 beginnt unter Karl VI. mit der „Karolinischen Ansiedlung“ (später von Adam Müller-Guttenbrunn auch „erster Schwabenzug genannt“) die systematische Einwanderung von ca. 20.000 Kolonisten aus dem Reich. Das Kommando über das Banat übernimmt General der Kavallerie Claudius Florimund Graf Mercy, der auch für die Verwaltung zuständig ist und 1720 zum ersten Gouverneur des Banats ernannt wird. In einer Konscription, die er 1717 anfertigen ließ, wird Kleinbetschkerek mit 36 Häusern von meist serbischen Einwohnern erwähnt. Sie waren Viehzüchter und lebten unter ärmlichen Verhältnissen. Am 9. April 1727 wird im Bericht Nr. 119 des Temeswarer Verwaltungsamtes verzeichnet, dass für den Unterverwalter Martiny in Kleinbetschkerek ein Quartier eingerichtet wurde. Ebenso bezeugen die Kirchenmatrikeln der Temeswarer Innenstadt, dass es in Kleinbetschkerek in dieser Zeit schon Katholiken gibt.

In den Akten des Temeswarer Verwaltungsamtes gibt es am 29. Mai 1734 Vermerk Nr. 253: "Temesvarer Verwaltungsamt zeiget an, dass nach Betschkerek einige Griechen angekommen und sich für Künstler, welche den Bruch schneiden können, ausgaben und wirklich an einem jungen Untertan ihre Kunst so probiert haben, dass er bald nach erhaltenem Schnitt gestorben seie. Da das Amt diese fremden Quacksalber inhaftiert hat, so fraget es an, ob solche nach Temeswar geschickt werden sollen oder was mit selben zu tun seie."[8]

Das Temeswarer Verwaltungsamt bestätigt am 28. Mai 1735 unter Nr. 371 die Einrichtung einer „Cambiatur“ (Poststation und Pferdewechselstelle): „Die Administration bedeutet, dass um die Bequemlichkeit des Publici zu befördern bestimmt worden seie, dass der Cambiaturist von Warjasch nach Kleinbetschkerek transferiert und auf den Pakatz eine Cambiatur errichtet werde, dass der Betschkereker 160 fl., der Pakatzer aber 200 fl. an Gehalt haben werde, verordnet daher dem Temesvarer Verwalteramte den Cambiaturisten in allen Erforderlichen die nötigen Assistenz zu leisten.“[9]

Vermerk Nr. 377 vom 9. Nov. 1736 enthält folgendes Rundschreiben: „Administrations-Circulare an die bestehenden 4 Oberverwalters, mittelst welchen dieselben eine Spezifikation zugefertigt wird, wienach die hierländischen Cambiaturisten mit Acker- und Wiesgründen bemessen und hiernach einzutheilen kommen u. zwar: jenen mit 6 Pferden – 12 Joch Acker u. 2 J. Wiesen, jenen mit 10 Pferden – 24 Joch Acker u. 6 J. Wiesen, jenen mit 12 Pferden – 30 Joch Acker u. 10 J. Wiesen. Dann den hiesigen Temescher Cambiaturisten 60 Joch zum Ackerbau und 15 Joch Wiesgründe anzuweisen, dann mit Steinen und Hügeln zu unterscheiden.“[10]

Die Kleinbetschkereker Poststation lag an der „alten Poststraße“ (Großjetschaer Straße), die nach Komlosch führte und war eine der großen Poststationen. Dies ist an der Größe der Postfelder (Hodaj) zu erkennen (60 Joch Ackerfeld und 15 Joch Wiesen). Das Cambiatur- und Postgebäude befand sich da, wo später das Haus von Franz Slawik stand. Daneben waren die Stallungen, und wo heute der Kindergarten ist, war die Scheune für Heu und Stroh. Der Leiter der Poststation hieß Ignatz Willer. In einem Reiseführer wird der Postweg von Ofen nach Temeswar über Szegedin beschrieben. Der Autor berichtet über „das Cameraldorf Kis-Becskerek, welches auf Moorgrund ruht, der in Mitte des Ortes durch einen steinernen Brückendamm befestigt ist.“ [11]

Von 1737-1739 kommt es im Banat zu einem weiteren Türkenkrieg, der mit Plünderungen und Zerstörung einiger Ortschaften endet. Gleichzeitig gibt es eine Pestepidemie. 1747 werden 12 der 40 rumänischen Familien aus Neubeschenowa in das damals vorwiegend von Serben bewohnte Kleinbetschkerek umgesiedelt.[12] Weitere folgen ihnen und errichten ihre Häuser im östlichen Teil, dem „rumänischen Dorf“.

Am 15.03.1769 schenkt der Rumäne Pascu Preda aus Pescaret dem neuen orthodoxen Pfarrer Zaharia Zaharievici eine Bibel mit Widmung.[13] Der damals für die Rumänen bekannte Ortsname Pescaret (Fischerdörfchen) ist noch heute die offizielle Bezeichnung des Bahnhofs (Pescaretu Mic). Durch das naheliegende „Große Ried“, einem ausgedehnten Sumpf- und Schilfgebiet, war der Ort als Fischer- und Jagdparadies bekannt. Noch im Dorfsiegel von 1831 (Abb. 8.) sind neben den Weizenähren (Symbol der Landwirtschaft), Schilf (für das Ried), ein Jäger und ein Posthorn (für die Poststation) zu sehen. Wappenvogel ist der Storch, der noch vor einigen Jahrzehnten auf sehr vielen Häusern sein Nest hatte.

In der Theresianischen Siedlungsperiode (1763-1772), auch als „zweiter (Großer) Schwabenzug“ bekannt, kommen weitere 25.000 Einwanderer ins Banat.

Eine Urkunde des Wiener Hofkammerarchivs gibt 1772 Auskunft über den Grund- und Feldbesitz der Nachbargemeinde Neubeschenowa. Daraus geht hervor, dass „die noch erforderlichen 2.172 ½ Joch von dem bei dem Dorf Klein Becskerek abfallender 4.143 Joch abgenommen und so mit diesem Abgang ersetzt werde.“ [14] Im Frühjahr 1773 kommt eine Grundstreitigkeit zwischen Kleinbetschkerek und Neubeschenowa durch die Wiener Hofkammer zur Entscheidung.[15]

1777 verzeichnet eine „Seelenconscription“ in Raitzisch-(serbisch) Kleinbetschkerek 205 Häuser, meist von Serben bewohnt. Es sind aber auch 13 deutsche Einwohner im Ort.

Bis 1778 ist das Banat eine kaiserliche Provinz. Durch ein Handschreiben der Kaiserin Maria Theresia vom 6. Juli 1778 wird das Banat an Ungarn angegliedert. Zu diesem Ereignis wird der königliche Kommissar Graf Christoph von Nitzky im damaligen serbischen Kleinbetschkerek von den Obrigkeiten der Stadt Temeswar im Beisein von Husaren in Galauniformen empfangen. Ab 1778 erhalten viele Banater Dörfer ihr eigenes Siegel (meist mit der Abbildung eines Engels). Für Kleinbetschkerek ist dieses Siegel von 1804 – 1831 dokumentiert (Abb. 7).[16]

Joseph II. erlässt 1782 ein neues Ansiedlungspatent, das den „dritten Schwabenzug“, die Josephinische Siedlungsperiode (1782-1786), einleitet. Während dieser Zeit wird 1785 der Ort Deutsch-Kleinbetschkerek, südlich von Raitzisch-Kleinbetschkerek gegründet. Nur die Wiener Straße trennte die beiden Orte.

Die von April bis Juni 1784 auf dem Donau Weg in das Banat gekommenen Kolonisten werden in den schon bestehenden deutschen Dörfern Sackelhausen, Neubeschenowa, Billed, Großjetscha, Lowrin und Guttenbrunn und Rumänen in Kleinbetschkerek, in der Nähe der künftigen Siedlung, untergebracht, bis ihre Häuser und Wirtschaftsgebäude errichtet und die Äcker, bemessen nach ganzen und halben Sessionen, aufgeteilt waren. Hier werden sie bis zur Ansiedlung auf Kosten des Staates verpflegt. Die Erwachsenen erhalten täglich 1 ½ xr. in Barem und 1/30 Metzen Frucht, Kinder von 2-10 Jahren ½ xr. und 1/120 Metzen Frucht, Kinder von 11-16 Jahren ¾ xr. und 1/60 Metzen Frucht. Während der Einquartierung werden sie beim Bau der Häuser und Wirtschaftsgebäude als Handlanger verwendet. Baumaterial stellt der Staat kostenlos.

Am 27. Juni 1785 bereist Kameraladministrator Ladislaus Baron von Orczy in Begleitung von Assessor Michael Constantin Hoffmann und dem Rentamts Verwalter Johann Georg Wallbrunn das Sanktandreser Amt. Danach berichtete Hoffmann der Hofkammer über den Fortschritt der Hausbauten in Sanktandres und Kleinbetschkerek: „Zu St. Andrasch und Kleinbetschkerek Seye nur in Ansehung der bereits in vorigem Jahre daselbst schon errichteten Häuser nichts auszustellen, sondern es werde auch die heurige Arbeit als gut und eifrig betrieben, dass dem St. Andrascher Rentambt hierwegen eine Belobung billig verdiene.“ [17]

Die Herkunftsgebiete der Kleinbetschkereker Einwanderer lassen sich, wie bei den meisten Banater Orten, sowohl über die Kirchenmatrikel als auch über die Wiener Abfertigungslisten (WK), die Schlafkreuzerakten (SKRA) und die Budapester Abfertigungslisten (UngRA) nachweisen. Franz Stanglica hat 1938 in „Klein-Betschkerek und St. Andrasch, zwei saarpfälzische Siedlungen im Banat“ die Herkunft der Kleinbetschkereker untersucht und festgestellt, dass die Ansiedler vorwiegend aus der damaligen „Saarpfalz“ und der „Rheinprovinz“ stammen. Mehrere Familien stammen aus Lothringen und einzelne aus Baden, Hessen und der südbelgischen Provinz Luxemburg. Die dabei erstellte Statistik umfasst nicht alle Ansiedler.[18]

Bei Johann Rech werden die Herkunftsorte fast aller Siedler richtig angegeben. Auch er verwendet die ehemaligen Gebietsbezeichnungen und kommt zu ähnlichen Ergebnissen.[19]

Im Kleinbetschkereker Familienbuch von Dietmar Giel gibt es eine Liste der Erstansiedler, bei der die Herkunftsorte nach heutigen Gebieten vermerkt sind.[20]

Die Herkunft der Ansiedler widerspiegelt sich auch in der Mundart. Wie in den meisten Banater Dörfern sprechen auch die Kleinbetschkereker eine südrheinfränkische Mundart, die das Pfälzische, Lothringische und Teile des Südhessischen umfasst. Laut Dr. Johann Wolf ist auch ein moselfränkischer Einfluss zu erkennen.[21]

Ein Schreiben der Kameraladministration an den Temeswarer Bischof zeigt, dass bei der Planung auch Seelsorger vorgesehen waren: „Euer Exzellenz! Außerdem … werden im gegenwärtigen Jahr die mit neuen deutschen Einwanderern zu besetzenden Dörfer Neu-Monostur (Orzidorf), Klein-Betschkerek, Skt. Andres, Morawicza und Neu-Wukowar (Niczkydorf) ebenfalls noch zu Stande kommen und mit den für selbe bestimmten Familien besetzet werden. Da nun jedes dieser 6 neuen deutschen Kolonistendörfer eines eigenen Seelsorgers bedarf, auch auf die Passierung (Gutheißung) jedes für jeglichen sistemisierten Stipendialgehaltes per jährl. 200 Gulden, dann deren Naturaldeputaten per jährl. 15 Metzen Frucht, 30 Metzen Haber, 15 Metzen Kukurutz, 15 Schöber Heu und 15 Klafter Holz unter einem bei der hohen Hofstelle eingeschritten wird. Als hat man die Ehre Euer Exzellenz ein solches mit dem freundschaftlichen Ersuchen zu eröffnen, … für deutsche 6 Seelsorger also vorzusorgen, damit sie in vorgedachten Örtern längstens mit Ende Septembris angestellt werden mögen. Mit vollkommenster Hochachtung geharrend Euer Excellenz Dienstschuldigster Ladislaus Freiherr von Orczy Temeswar, den 20 Juni 1785".[22]

In Deutsch-Kleinbetschkerek werden 116 neue Kolonisten Häuser in 4 breiten Gassen erbaut. Zusätzlich lässt der Staat das Bethaus, die Schule mit Wohnungen für Lehrer und Pfarrer, ein Wirtshaus ein Gemeindehaus und 2 Rossmühlen errichten. In den Folgejahren kommen 10 zusätzliche Häuser dazu. Nachdem weitere Ansiedler eintreffen, werden noch 25 Familien im nördlichen Raitzisch-Kleinbetschkerek angesiedelt.

Die ersten Matrikelbücher der r. k. Kirchengemeinde werden am 1. Januar 1786 durch Pfarrer Franz Cisper angelegt, der schon am 1. Juni 1786 stirbt. Die 1. Geburt wird im Taufmatrikel am 7. Januar 1786 eingetragen: Anna, Tochter des Peter und der Barbara Heinrich, geb. Schumer, Haus Nr. 20. Taufpaten sind Ullinger (Ollinger) Jakob und Heinrich Anna. Der erste Eintrag im Sterbematrikelbuch ist vom 6. Januar 1786 und vermerkt den Tod von Bonbach Johann, Witwer, 30 Jahre alt, Haus Nr. 46, geboren in Luxemburg. Die erste Trauung wird am 10. Januar 1786 vollzogen: Reck (Rück) Nikolaus, Witwer, Nr. 54 mit Lamby Elisabeta, ledig, Tochter des Wilhelm Lamby u. Anna Maria, Nr. 63. Trauzeugen sind Bambole Nikolaus und Mor Johann.

Die Kirchenrechnung vom 31. Dezember 1786 ist der erste Beleg für die selbstständige Gemeindeverwaltung von Deutsch-Kleinbetschkerek. Sie ist mit dem ersten Gemeindesiegel versehen, auf dem die Inschrift: *DEITS*KLEIN*BETSGEREG* steht und eine Brücke („die Groß Brick“ über die „Marasch“) und Wasservögel dargestellt sind (Abb.6). Die Rechnung trägt die Unterschriften von: Michael Marx (erster Schulze, „Richter“), Adam Metzen (Metz) und Michael Kob (Kopp), die ersten Geschworenen, Johann Adam Buch und Simon Schomer (Schumer), die ersten Kirchenväter und Pfarrer Johannes Nocker.[23]

Die eigenständige Verwaltung der neuen Siedlung Deutsch-Kleinbetschkerek dauert bis 1808. Danach bekommen die beiden Dörfer Deutsch- und Serbisch- (Raitzisch) Kleinbetschkerek eine gemeinsame Verwaltung.

Im ersten Jahr überschreitet die Sterberate (48) die Geburtenrate (41). 1789 entfallen auf 41 Geburten 86 Todesfälle. 1792 beträgt die Zahl der Deutschen in Kleinbetschkerek 644, 1802 schon 984 und 1809 1200 Einwohner.

In den ersten 25 Jahren hat die katholische Kirchengemeinde ein Bethaus mit 2 Glocken mit der Inschrift: „Goß mich Josef Fischer vor die Becsker Gemeinde in Temesvar 1789“. Der Grundstein der katholischen Kirche wird 1810 gelegt und am 17. Nov. 1811 wird das neue Gotteshaus mit seinem 42 m hohen Turm zu Ehren der Unbefleckten Empfängnis Mariens durch den Domherr Paul Nemethy und den Gemeindepfarrer Stefan Karady geweiht. In den folgenden Jahren werden die Schule (1816) und das Pfarrhaus (1820) durch Neubauten ersetzt.

Am 30. April 1823 legt die serbische und rumänische Bevölkerung den Grundstein zu einer neuen griechisch orthodoxen Kirche, die sie bis 1897 gemeinsam nutzen. Danach erfolgt bedingt durch die slawische Kirchensprache die Trennung der beiden Kirchengemeinden und der konfessionellen Schulen.[24]

Durch die vielen Sümpfe und das schlechte Trinkwasser sterben von 1828-1831 viele an Sumpffieber, und im Sommer 1831 fordert die asiatische Cholera die ersten Opfer.

Schon 1832 erhält die Kirche ihre erste Orgel[25] und in den Jahren 1835-1869 gibt es nachweislich eine eigene Blaskapelle,[26] die Lehrer Johann Götter ausbildet. Ihr folgen weitere Kapellen, die später selbst in Schweden und den USA erfolgreich auftreten.

Im Sommer 1836 bricht wie in vielen Dörfern auch in Kleinbetschkerek erneut die Cholera aus. In den Monaten Juli, August sind im Sterberegister 122 Tote verzeichnet. „Pfarrer Mathias Mantzovics musste in dieser Zeit täglich auch mehrmals seines traurigen Amtes walten“.[27]

Mit dem Schützenverein wird 1844 der erste Verein mit 50 Mitgliedern gegründet. Danach folgen: 1871 der Leichenbestattungsverein, 1883 der Spar- und Vorschussverein (eine Kreditgenossenschaft, die später zur „Ersten Kleinbetschkereker Sparkassen AG“ wurde), der Lese- und Fortbildungsverein, der Bauernverein, der ab 1891 dem „Südungarischen Bauernverein“ beitritt, 1890 die Freiwillige Feuerwehr, 1891 der Gesangsverein unter Kantor und Lehrer Josef Malz, 1911 der Handels- und Gewerbebund, 1927 der Katholische Deutsche Jugendverein und 1929 der Katholische Deutsche Frauenverein und der Katholische Deutsche Mädchenkranz.

Die Ungarische Revolution dehnt sich 1848 auch auf das Banat aus. Wie in den meisten Dörfern sind auch die Kleinbetschkereker Bauern zwischen ihrer Treue zur Österreich-Ungarischen Monarchie und ihrer Sympathie zu den ungarischen Revolutionären, die ihnen mehr Rechte, die Abschaffung der Zehent- und Robot Leistungen versprechen, hin und her gerissen. So lässt der Kleinbetschkereker Pfarrer Johann Stvertczky seinen Namen auf „Szittya“ magyarisieren, und zeigt offen seine Sympathie für die ungarischen Revolutionäre. Dafür wird er zuerst versetzt und später vom Kriegsgericht zu 5 Jahren Kerker verurteilt und 1852 vorzeitig begnadigt.

Die Garnison Temeswar bleibt während der Revolution kaisertreu, entwaffnet die Nationale Ungarische Garde und wird 107 Tage belagert. Am 9. August 1849 findet zwischen Kleinbetschkerek, Neubeschenowa und Sanktandres die Entscheidungsschlacht statt. Aus dem Bericht eines hohen russischen Offiziers ist der Verlauf der Schlacht zu entnehmen.[28] Die Infanterie der ungarischen Revolutionstruppen hatte Kleinbetschkerek besetzt und zieht sich beim Annähern der österreichischen Truppen in Richtung Neubeschenowa und Sanktandres zurück. General Haynau gibt die Verfolgung auf und positioniert die Kavallerie an der Temeswarer Straße. General Bem, der Anführer der ungarischen Truppen, lässt diese von Neubeschenowa umkehren, um im Rücken und den Flanken der Österreicher einen entscheidenden Angriff zu wagen. Durch das Eingreifen der russischen Verbündeten werden die ungarischen Truppen besiegt und fliehen in Richtung Temeswar.

Im Herbst werden auch die schwäbischen Dörfer entwaffnet. Die Waffen des Schützenvereins, aber auch Sensen und Gabeln werden beschlagnahmt. Am 02. Oktober 1849 unterzeichnen 13 Banater Gemeinden die „Bogaroscher Schwabenpetition“ an den Kaiser. Der Verfasser, der Bogaroscher Pfarrer Josef Novak, war während seiner kurzen Tätigkeit von 1843 – 1845 in Kleinbetschkerek sehr beliebt. Um dem Sterben der Frauen im Wochenbett durch das „Kindsfieber“ ein Ende zu setzen, lässt er aus Wien eine Hebamme kommen.[29]

Die „Schwabenpetition“ hält fest, dass die geplante neue Verwaltung unter der serbischen Woiwodina und des Temescher Banats die Bittsteller zwar betrübt, dass sie aber dafür sind, „den Serben zur Wahrung ihrer Nationalität einen Woiwoden, den Rumänen einen Capitain“ und den deutschen Gemeinden einen „Grafen, nach dem Vorbild des Sachsengrafen in Siebenbürgen zu geben.“ [30] Die Vorschläge der Bittsteller werden jedoch vom Kaiser nicht berücksichtigt. Am 18.11.1849 wird die neue Administration der Serbischen Woiwodina und des Temescher Banats Wien untergeordnet. Deutsch wird wieder zur Amtssprache. Aus dieser Zeit stammt da Gemeindesiegel mit deutscher Ortsbezeichnung: „KREIS TEMESVAR GEMEINDEAMT KL‘ BECSKEREK“ (Abb.9).

Im Mai 1852 besucht Kaiser Franz Josef Temeswar. Im gleichen Jahr wird ein neues Grundbuch eingeführt. Die Straße Temeswar- Szegedin wird 1856 geschottert.

1858 wird die bisherige kirchliche Schule der Gemeindeverwaltung unterstellt, die eine Schulkommission gründet. Diese Kommission wählt und kontrolliert die Lehrer und legt deren Gehalt fest. Die serbisch orthodoxe Schule jedoch, die erstmals 1773 erwähnt wird, entzieht sich bis 1944 dem staatlichen Zugriff und die rumänische konfessionelle Schule, die sich 1898 von der serbischen getrennt hatte, wird im September 1921 zur Staatsschule.

Durch die kaiserliche Verordnung vom 27. März 1860 wird der Tabakanbau in 162 Banater Dörfern erlaubt. Zu diesen zählt auch Kleinbetschkerek.[31]

Januar 1861: „In den Städten und Dörfern weht die Trikolorefahne Ungarns. Die Komitate wurden wieder eingerichtet und die Kreisämter hörten auf.“ [32] Im März 1861: wird der „Deputierte von Mannasy für den beginnenden Landtag in Kl. Betschkerek gewählt.“ [33] Ab 1861 wurde die Verwaltung wieder geändert. Die Kreise wurden wieder in Komitate geändert, was sich auch im neuen Dorfsiegel bemerkbar macht: „TEMESVÁRMEGYE /KIS BETSKEREK /KÖZSÉGE“ (Abb. 10).

Vom Frühjahr bis zum Spätherbst 1863 fällt kein Regen. Durch die große Dürre vertrocknen die Saaten. Der Weizen ist nur wenige Zoll hoch und bildet keine Ähren. Kaum 10 Prozent der Flächen können geerntet werden. Der Mais und die übrigen Frühjahrssaaten gehen zwar auf, vertrocknen jedoch schon Anfang Juni. Die trockenen Weiden können das Vieh nicht ernähren, so dass die Tiere geschlachtet oder zu sehr niedrigen Preisen verkauft werden. Im Spätherbst greift der Staat ein. Mit dem Reichsgesetz vom 17. November 1863 erhält auch Kleinbetschkerek ein „Notstandsdarlehen von 10.716 fl. 19 xr. ö. W. Dieser Betrag wurde bis Ende 1865 ohne Zinsen und ab dann mit 5% Zinsen bis zur endgültigen Tilgung nach 6 Jahren gegeben. Die Summe war auf 242 Anleihe-Bedürftige aufgeteilt. Man verpflichtete sich, eine jährliche Rate von 1786 fl. 3 xr. ab dem 1. Januar 1866 an die Steuerkasse von Temeswar zu entrichten. Falls der eine oder andere „Mitinwohner“ seine Pflicht nicht nachkommen konnte, stand die Gemeinde dafür gut“.[34]Hilfe für die Ärmsten kommt auch aus der Gemeinde selbst. Es werden Suppenküchen eingerichtet. „Der Kleinbetschkereker Seelsorger P. von Mezzei ließ aus eigenen Mitteln täglich 25 Laib Brot backen und an die Bedürftigen ohne Unterschied des Bekenntnisses verteilen. Auch Holz begann er zu verteilen und den Kleinhäuslern gewährte er zinslose Geldvorschüsse.“ [35]

Aus dem „Temesvárer gemeinnützigen, erheiternden, belehrenden Volks- und Hauskalender für Banat auf das Schaltjahr 1864" geht hervor, dass die Postmeisterin der Kleinbetschkereker Poststation Maria Kafga (Kafka) hieß. Ritters geographisch-statistisches Lexikon von 1864 vermerkt: „Kis-Becskerek: Fleck im Kreis und Bezirk Temesvar, 3400 Einwohner, Schafzucht, Bienenzucht, Feldbau, Handel mit Vieh und Wolle.“ [36] In diesem Jahr wird von einer guten Ernte berichtet, aber auch von Hamster- und Mäuseplagen. Im Folgejahr 1865 sorgt eine Diphtherieepidemie dafür, dass die Sterberate weit größer als die Geburtenrate ausfällt. Die Kleinbetschkereker Wehrpflichtigen und Reservisten müssen 1866 gegen die Preußen und die Italiener in den Krieg ziehen. Beim „Ausgleich“ von 1867 wird aus dem Österreichischen Kaiserreich die Österreich-Ungarische Doppelmonarchie. Das Banat wird dabei der ungarischen Verwaltung unterstellt, was später zu Magyarisierung in Schule, Kirche und Verwaltung führt.

Die Jahre 1870-1871 werden im ganzen Banat als „Wasserjahre“ bezeichnet. „Wassergefahr und Überschwemmung ist der Schmerzensschrei im ganzen Banate, ja fast in ganz Europa. Der unbedeutendste Fluss spielt hier seine Rolle. So musste in Temeswar der Temes Canal der Schubolyo und Behal alles unter Wasser und in Schrecken versetzen, bei uns (Neubeschenowa) der Nyarad Bach, wo alle Brücken zerstört wurden, der ganze Hotar mit Sumpfwasser angefüllt, so dass alle Straßen unfahrbar und der Verkehr mit der größten Gefahr nur durch reitende Boten ermöglicht wurde. Die Szegediner Hauptstraße hinter Kl. Betschkerek war ½ Meilen unter Wasser, wodurch die Post über Gertyanos und Gr. Jetscha nur nach Billet gelangen konnte.“ [37]

Am 1. Januar 1872 werden in Ungarn die Bezirksgerichte eingeführt. Der Februar bringt wieder Hochwasser: „Schrecklich ist das Wasser in unseren Feldern, fast alle Wege sind unfahrbar und noch gefährlicher ist das Wasser im Torontaler Komitat. Die Marosch ist bei St. Marton ausgebrochen, kam über Lowrin, Bogarosch und Uyhel. Zwischen Kl. Betschkerek und Billet kam das Wasser vom Ried, ging über die Reichsstraße und ergießt sich über Kl. Jetscha, Gr. Jetscha, Gertjanosch, schwellt sich am Eisenbahndamm an, so dass die ganzen Fluren überschwemmt sind. Zwischen Kl. Betschkerek und Billet kann nur mittelst einer Bletten die Überfuhr bewerkstelligt werden. Wir können nur froh sein, dass wir Eisenbahnen haben, sonst wäre es für ganz Banat gefehlt.“ [38]

Am 6. Mai besucht Kaiser Franz Josef I. Temeswar, um die Wassergefahr und den Notstand zu untersuchen. Im Juli ist die Wahl des H. Stefan von Gorove in Kl. Betschkerek als Landesdeputierter.[39] Durch erneuten Diphtherieausbruch (1874) überschreitet die Kindersterblichkeit die Geburtenrate. 1875 bekommt die Kirche eine große Glocke, die 1884 umgegossen werden muss. 1876 wird in Europa ein neues Längen- Hohl- und Gewichtsmaß, das Metersystem eingeführt.

Die zahlenmäßige Entwicklung der Bevölkerung geht aus verschiedenen Quellen hervor. So heißt es 1857: „Kis-, Klein-Betschkerek, Dorf im österreichischen Kreise Temeswar (ebendaselbst), mit Postamt; 3100 Ew.“ [40], 1872: „Dorf mit vorzüglichem Landbau, Bienen- und Schafzucht und 3000 Einwohner. Bassakut (Baschabrunnen), Kammermeierei mit schönen Anlagen, Vergnügungsort der Temesvarer.“ [41] und 1890 steht im Brockhaus: „Klein-Becskerek, ungar. Kis-Becskerek, Groß-Gemeinde im Komitat Temes, 15 km im NW von Temesvar, hat 3687 meist kath. deutsche Einwohner. (403 Rumänen, 562 Serben), Post, Telegraph.“ [42] Die Enciclopedia Romana dokumentiert 1898: “Große Gemeinde im Bezirk Temesch mit 3687 Einwohnern: Deutsche, Serben, Rumänen“ [43] 1900 hat die Gemeinde 3738 Einwohner, davon 422 Rumänen.[44]

In den siebziger- und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurden in den Akten die Wachssiegel durch Tusch-Siegel ersetzt: „TEMESVÁRMEGIE /KIS BECSKEREK /KÖZSÉGE“ (Abb. 11)

Obzwar bei der Gründung von Deutsch-Kleinbetschkerek die Anzahl der Häuser (126) geringer als die von Serbisch-Kleinbetschkerek (206) war, und der Anteil an Feld fast gleich groß war, änderte sich das Verhältnis zwischen den beiden Ortsteilen innerhalb eines Jahrhunderts wesentlich. Während die deutsche Bevölkerung trotz mehrerer Epidemien durch eine hohe Geburtenrate und steigende Lebensbedingungen ständig zunimmt, verkaufen viele serbische Familien ihre Häuser und ziehen in Nachbarorte mit vorwiegend serbischer Bevölkerung. Dies belegt z. B. die Volkszählung von 1920/21, bei der 2.533 deutsche Einwohner gezählt werden und nur noch ein gutes Viertel der Gesamtbevölkerung aus Serben und Rumänen besteht.[45] Schon um das Jahr 1880 erreicht die deutsche Bevölkerung einen Höchststand. Viele junge Familien suchen daher ihr Glück in Amerika. Die Auswanderung dauert auch nach dem I. Weltkrieg bis ins Jahr 1939 an und ist teilweise durch die „Bremer Schiffslisten“ und andere Akten belegt.

1895 wird die Bahnstrecke zwischen Temeswar und Großsanktnikolaus fertig gestellt. Die Gemeinde steuert 100.000 Gulden bei, obzwar die meisten Bauern wenig Verständnis aufbringen. 1900 werden die alten Gemeindeschulen abgetragen und an gleicher Stelle vom ungarischen Staat 2 neue Schulgebäude errichtet, die bis heute genutzt werden. Die Schule wird zur Staatsschule mit ungarischer Unterrichtssprache. 1903 wird der erste staatliche Kindergarten eingeführt. Dazu wird ein neues Gebäude mit Unterrichtsraum und Wohnung für die Kindergärtnerin errichtet. Der Besuch des Kindergartens wird Pflicht. Die erste Kindergärtnerin heißt Gabrielle Belopotocky (1903-1918). Auch im Kindergarten ist die Unterrichtssprache Ungarisch.

Am 25. Oktober 1909 wird die rumänische orthodoxe Kirche im rumänischen Viertel („walachisch Dorf“) geweiht.

Im Jahr 1911 ist die Einwohnerzahl von Kleinbetschkerek auf 3681 gestiegen. Die Zahl der Deutschen beträgt 2700 (73%), die der Serben 549 und die der Rumänen 432. In diesem Jahr findet auch die 100-Jahr-Feier der katholischen Kirche statt, gestaltet von Pfarrer Julius Wieselmayer. Er hat auch die Dorf- und Kirchengeschichte dokumentiert.

In der Zeit des I. Weltkrieges kommt es schon am 26. Juli 1914 (2 Tage vor Kriegserklärung) zur Mobilmachung. Ein Teil musste in Richtung Serbien und Bosnien, ein anderer Teil nach Galizien, in den Kampf gegen die russischen Truppen. Es sind 97 Kleinbetschkereker auf fremden Schlachtfeldern gefallen oder an den Kriegsfolgen gestorben. Ihre Namen sind auf den beiden Granittafeln der Friedhofskapelle, die 1927 errichtet wurde, eingetragen. Auch die 3 Kirchenglocken fallen dem Krieg zum Opfer. Erst 1920 werden 3 neue Glocken gekauft.

Das Kriegsende sorgt für große Veränderungen. Am 1. Dezember 1918 finden die Karlsburger Beschlüsse der Siebenbürger und Banater Rumänen statt. Am 20. November 1918 kommt es zur serbischen Besatzung des Banats und im April 1919 lösen französische Besatzungstruppen die serbischen ab, die im Juli 1919 bei ihrem Abzug Tiere und Getreide aus den besetzten Dörfern mitnehmen. Im August 1919 erfolgt die rumänische Besatzung des Banats, wobei die Deutsche Volkspartei in Rumänien den Anschluss des ungeteilten Banats an Rumänien fordert. Der Vertrag von Trianon vom 4. Juni 1920 zementiert die Dreiteilung, durch die nur noch knapp 1% des Banats bei Ungarn bleibt. Das südliche Drittel wird Serbien zugesprochen und die östlichen zwei Drittel fallen an Rumänien. So wird auch für die Kleinbetschkereker Rumänisch zur Staatssprache. Das Dorf führt ab nun den Namen „Becicherecu Mic“. Schulleiter und die Bürgermeister sind künftig trotz deutscher Mehrheit meist Rumänen. Die Magyarisierung hat ein Ende und die deutsche Muttersprache wird wieder gefördert. Das Verhältnis der Deutschen zum rumänischen Staat war loyal, da er ihnen eine relativ freie Entfaltung des kulturellen Lebens ermöglichte.

In der gemischtsprachigen Gemeinde beherrschten die Einwohner mehr oder weniger gut auch die Sprache der anderen. Die Umgangssprache war meist die schwäbische Mundart. Auch die serbischen und rumänischen Kinder sprachen meist schwäbisch. Aber auch die Deutschen lernten in der Schule und im Dorf die rumänische Sprache, und jene, die im serbischen Ortsteil wohnten, verstanden und sprachen oft serbisch. Annemarie Schenk und Ingeborg Weber-Kellermann beschreiben 1973 das vorwiegend friedliche Zusammenleben der 3 Nationalitäten im Laufe der zwei Jahrhunderte in allen sozialen, und kulturellen Bereichen.[46]

1930 findet in Kleinbetschkerek eine Jugendtagung statt. Das Treffen wird vom damaligen Pfarrer Josef Dewald organisiert, wobei auch der Temeswarer Bischof Dr. Augustin Pacha eingeladen ist. Noch immer bilden die 2294 Deutschen die Mehrheit der Bevölkerung (3318).

Die rumänische Bevölkerung ehrt 1932 ihren ehemaligen orthodoxen Pfarrer und einen der ersten rumänischen Dichter, Dimitrie Tichindeal, und errichtet ihm 1932 vor dem Kindergarten ein Denkmal.

Am 8. und 9. August 1936 feiert Kleinbetschkerek ein doppeltes Fest. Es sind 150 Jahre seit der Ansiedlung der deutschen Bevölkerung und 125 Jahr nach dem Bau der katholischen Kirche. Bei dieser Gelegenheit erscheint auch die kurze geschichtliche Dokumentation „150 Jahre deutsches Becicherecul-Mic“, verfasst vom langjährigen Kleinbetschkereker Lehrer und Schulleiter Johann Rech (08.09.1877 – 06.03.1976). Auch Ansichtskarten erinnern an das Ereignis. (Abb. 5)

Der Grundbesitz der Gemeinde betrug 1937 insgesamt 10048 Joch. Davon gehörten 8218 Joch der deutschen, 800 Joch der rumänischen und 1030 Joch der serbischen Bevölkerung.[47]

Mit dem Ausbruch des II. Weltkrieges gerät auch Kleinbetschkerek aus allen Fugen. Im November 1940 wird die „Deutsche Volksgruppe in Rumänien“ von der rumänischen Regierung als juristische Person des öffentlichen Rechts anerkannt. Ab nun erhalten die Deutschen in Rumänien Schul- und Kulturautonomie. Der Einfluss der Ideologie des damaligen Deutschen Reiches macht sich auch in den Banater Dörfern bemerkbar. Große Teile der Jugend lassen sich durch die DJ über Sportveranstaltungen begeistern. Die älteren Jahrgänge, die den I. Weltkrieg erlebt und überlebt hatten, sehen die Entwicklung mit Sorge. Im Juni 1941 ziehen die Rumänen an der Seite Deutschlands in den Krieg gegen Russland. Auch 43 junge Männer aus Kleinbetschkerek müssen in der rumänischen Armee an die Front, davon kehren 18 nicht mehr zurück.

Nach der Zerschlagung der rumänischen Militäreinheiten bei Stalingrad (1943) kommt es zwischen Berlin und Bukarest zu einem Abkommen, wonach „volksdeutsche“ rumänische Staatsbürger in die Wehrmacht und SS-Verbände rekrutiert werden. Im Juni 1943 finden die Musterungen der Jahrgänge 1908 – 1926 statt: Die Todesnachrichten von der rumänischen Front dämpfen bei Vielen die Begeisterung. Doch der Druck der Volksgruppe und die Angst bei der schlecht versorgten rumänischen Armee zu dienen, führt dazu, dass sich die meisten „freiwillig“ melden. Es sind 229 die in deutschen Verbänden kämpfen. Davon gelten nach letzter Erkenntnis 88 als gefallen oder vermisst.

Am 3. April 1944 wird Temeswar von den alliierten Truppen bombardiert. Dabei werden auch 3 Bomben am Dorfrand, nahe der Bahnlinie abgeworfen. Am 7. und 8. April kommen 2 Züge mit rumänischen Flüchtlingen aus Moldawien und dem Buchenland an. Sie werden bei der Dorfbevölkerung einquartiert. Am 10. September kommen erste deutsche Einheiten ins Dorf und fordern die deutsche Bevölkerung zur Flucht auf. Aus Angst vor den herannahenden russischen Truppen verlassen am 16. September ca. 900 meist junge Menschen in einem Wagentreck (137 Pferdewagen) das Dorf Richtung Westen.[48] Ihnen folgten am 17. September ca. 120 Dorfbewohner in einem Eisenbahnzug. Vom 17. – 18. September sind ungarische Truppen im Dorf, die dann weiterziehen. Die Flucht endet für die Wagenkolonne am 2. November in Oberösterreich, wo Viele nach schweren Jahren eine neue Heimat gefunden haben. Das Abenteuer derer, die sich mit dem Zug gerettet hatten, endet am 27. Oktober in Forchheim und den umliegenden Dörfern, wo auch sie, wie viele Vertriebene, eine neue Existenz gründeten.[49]

Am 20. September 1944 wird das Dorf von Russen besetzt. Die zurückgebliebene Bevölkerung erlebt schlimme Zeiten. Es gibt zahlreiche zivile Opfer durch Luftangriffe, den Artilleriebeschuss, aber auch durch Demütigung, Plünderung, Vergewaltigung und Erschießung ziviler Bewohner. Am 29. September werden die Dorfbewohner aufgefordert, das Dorf zu verlassen und nach Sanktandres zu ziehen, von wo sie erst nach 9 Tagen zurückkehren dürfen. Am 18. Oktober kommen Tito-Partisanen ins Dorf, plündern und terrorisieren besonders die zurück gebliebenen Deutschen. Am 27. Oktober werden die russischen Truppen aus der Gemeinde abgezogen. Am 14. Januar 1945 wird das Dorf vom rumänischen Militär umstellt und 170 Deutsche (64 Frauen zwischen 18 und 33 und 106 Männer zwischen 17 und 45) werden zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion gebracht. Einige kommen später durch Krankentransporte nach Deutschland. Die Meisten dürfen erst wieder im November 1949 nach Hause. 39 (9 Frauen und 30 Männer) sind in den sowjetischen Arbeitslagern gestorben.

Den zurückgebliebenen Deutschen wird 1945, durch das Bodenreformgesetz vom 12. April der Haus- und Bodenbesitz enteignet. Die Häuser der geflüchteten Deutschen werden am 28. März 1945 durch die örtlichen Behörden rumänischen Kolonisten zugeteilt.[50]

Am 9. Februar 1945 findet im Dorf eine Erfassung der Bewohner statt. Von ehemals 2300 Deutschen sind noch 730 im Dorf. Die Anzahl der Rumänen beträgt 350, die der Serben 340 und die der Roma 50.[51] Am 9. Juni 1946 zählt die Gemeinde 2363 Einwohner: 1052 Rumänen, 743 Deutsche, 403 Serben, 124 Roma, 17 Ungarn und 24 mit sonstiger Nationalität.[52]

Vom 18. bis 24. Juni 1951 hat das kommunistische Regime ca. 246 Kleinbetschkereker Familien von „Reichen“ (auch Serben, Rumänen und Mazedonier) in die Baragansteppe zwangsumgesiedelt. Darunter sind auch 83 deutsche Familien (189 Personen), von denen bis zur Entlassung im Januar 1956 18 Deutsche nicht mehr zurückkehrten. Auch der letzte katholische Pfarrer Michael Willjung wird 1951, wie viele Bischöfe und Pfarrer in einem Schauprozess zu 9 Jahren Kerker und 3 Jahren Deportation verurteilt. 1963 wird er in die Bundesrepublik ausgewiesen. Die Gemeinde wird danach durch Pfarrer der Nachbargemeinden Billed und Neubeschenowa betreut.

Die enteigneten Bauern und Handwerker müssen ihre Existenz in der Kollektiv- oder Staatswirtschaft verdienen. Die Jüngeren aber arbeiten meist in den Temeswarer Industriebetrieben. Die enteigneten Häuser der Deutschen werden 1954 den hier noch lebenden Besitzern rückerstattet.

Zwar geht es in den 60-ger und 70-ger Jahren sowohl materiell, als auch kulturell (deutsche Schulen, Zeitungen, Theater, Radio- und Fernsehsendungen) zeitweise wieder aufwärts, doch danach wird den noch verbliebenen Deutschen durch Ceausescus Wirtschafts- und Nationalitätenpolitik das Dasein erschwert. Viele sind über die Jahre durch die sogenannte Familienzusammenführung, die Bundeskanzler Helmut Schmidt mit Präsident Nicolae Ceausescu vereinbart hatte, zu ihren Verwandten in Deutschland ausgesiedelt. Einigen ist die Flucht über Jugoslawien gelungen und andere werden freigekauft. Nach dem Sturz des kommunistischen Regimes im Dezember 1989 beginnt die letzte Aussiedlungswelle. Die restlichen deutschen Familien verlassen die alte Heimat. Die Spuren der ehemaligen deutschen Bevölkerung verblassen. Die schwäbischen Bauernhäuser, einst Symbol für Wohlstand, verfallen. Der einst stolze Turm der katholischen Kirche ist am 28. Juli 1998 während eines Sturmes eingestürzt und hat das Dach und das Kirchengewölbe schwer beschädigt. Auf dem „alten“ Friedhof haben Schafhirten ihr Lager aufgeschlagen und auf dem „neuen“ Friedhof verdecken lange Zeit Gräser und Sträucher die alten Grabsteine. Durch Spenden unserer Landsleute und durch den persönlichen Einsatz von Niki Schmidt und seinen fleißigen Helfern hat er wieder ein gepflegtes Aussehen erreicht. Heute gibt es in Kleinbetschkerek weder eine deutsche Schule, noch eine katholische Pfarrei. Die verbliebenen Gläubigen werden von der Pfarrei Billed betreut.

Rumänien ist seit dem 1. Januar 2007 Mitglied der Europäischen Union. Für die in der ganzen Welt verstreuten Kleinbetschkereker Schwaben gibt es jedoch kein Zurück. Sie haben neue Existenzen gegründet und die ehemalige Dorfgemeinschaft lebt nur noch bei den regelmäßigen Heimattreffen wieder auf.

Die HOG Kleinbetschkerek pflegt weiterhin einen regen Kontakt zur heutigen Gemeinde und unterstützte sie bei der Beschaffung eines Feuerwehrautos und erhält ihrerseits Unterstützung durch die Behörden bei der Friedhofspflege.

Das heutige offizielle Gemeindewappen von Becicherecu Mic enthält die Symbole der ältesten Gemeindesiegel: Engel, Ährengarbe, Schilf, Storch. Zusätzlich wird in der Gestalt des Pfarrers dem berühmtesten Sohn der rumänischen Gemeinde: Dimitrie Tichindeal gedacht. Sonne und Mondsichel sollen an die Banater Schwaben erinnern. (Abb. 12)

 Quelle: Bappert, Johann: Noch sprechen die Steine. Kirche und Friedhof in Kleinbetschkerek, Forchheim, 2011, S. 11-53

[1] Suciu, Coriolan: Dictionar istoric al localitatilor din Transilvania, Bd. I, Bucuresti 1967, Editura Academiei R.S.R., S. 66.
[2] Ebenda, (Doc. Rom. C. a I, 261, b III. 232).
[3] Möller, Karl von: Wie die schwäbischen Gemeinden entstanden sind. Zweiter Teil, Temesvar 1924, S. 73.
[4] Rech, Johann – Reuter, Mathias: Kleinbetschkerek. Geschichte einer gemischtsprachigen Gemeinde im Banat, Freilassing 1972, S. 6.
[5] Suciu, Coriolan: Dictionar istoric al localitatilor din Transilvania, Bd. I. Bucuresti 1967, Editura Academiei R.S.R., S. 66 (Csanki II.26).
[6] Luca, Sabin, Adrian: Descoperiri arheologice din Banatul romanesc, Sibiu 2006, S. 33.
[7] Bappert, Johann: Die Flurnamen und Straßennamen der Gemeinden Kleinbetschkerek und Orzidorf (Diplomarbeit), Universität Hermannstadt 1973, S. f.
[8] Rech, Johann: Chronik von Deutsch-Kleinbetschkerek. Geburts- und Heimatort des Lehrers Johann Rech (Manuskript) 1937, S. 23.
[9] Ebd., S. 24.
[10] Ebd.
[11] Tschischka, Franz: Der Gefährte auf Reisen in dem österreichischen Kaiserstaate, Wien,1834, S. ff.
[12] Petri, Anton Peter: Neubeschenowa. Geschichte einer moselfränkischen Gemeinde im rumänischen Banat, Freilassing 1963, S. 15.
[13] Olea, Valer Petru: Becicherecu Mic – File de cronica, Alba Iulia 2004, S. 15.
[14] Petri, Anton Peter: Neubeschenowa, a.a.O., S. 50.
[15] Ebd.
[16] Vertan, Maria: Sigilii de sate, Comune si targuri din Banatul istoric (secolele XVIII-XIX), Editura Brumar, Timisoara, 2006.
[17] Weber, Matthias, Petri, Anton P. Dr.: Heimatbuch Sanktandres im Banat, Marquartstein 1981, S. 111.
[18] Stanglica, Franz: Klein-Betschkerek und St. Andrasch, zwei saarpfälzische Siedlungen im Banat. Saarpfälzische Abhandlungen 2, Neustatt/Weinstraße 1938, S. 116-144.
[19] Rech, Johann – Reuter, Mathias, a.a.O., S. 21–32.
[20] Giel, Dietmar: Familienbuch der katholischen Pfarrgemeinde Kleinbetschkerek, AKdFF, Sindelfingen 2009, S. VII – XI.
[21] Vgl. Wolf, Johann: Banater deutsche Mundartkunde, Bukarest 1987, S. 135.
[22] Geschichte der Gemeinde Orzidorf 1785-1935, Timişoara 1935, S. 42.
[23] Vgl.: Rech, Johann: Chronik von Deutsch-Kleinbetschkerek. Geburts- und Heimatort des Lehrers Johann Rech (Manuskript) 1937, S. 38.
[24] Olea, Valer Petru, a.a.O., S. 23
[25] Rech, Johann – Reuter, Mathias: Kleinbetschkerek, a.a.O., S. 35.
[26] Lay, Heinrich: Das Banat 1849 – 1867. Historische Dokumentation, Töging a. Inn 2001, S. 255.
[27] Rech, Johann: Chronik von Deutsch-Kleinbetschkerek, a.a.O., S. 43.
[28] Weber, Matthias, Petri, Anton P., a.a.O., S. 145-148.
[29] Rech, Johann: Hundertfünfzig Jahre deutsches Becicherecul-Mic (Jubiläumsschrift), o. O. [1936], S. 12.
[30] Petri, Anton Peter: Josef Novak und die Bittschriften an den Kaiser, München 1963, S. 40.
[31] Lay, Heinrich: Das Banat 1849 – 1867, a.a.O., S. 35.
[32] Diplich, Hans Hrsg.: Deutsches Bauernleben im Banat. Hausbuch des Mathias Siebold aus Neubeschenowa, Banat, 1842-1878, München 1957, S. 15.
[33] Ebd.
[34] Lay, Heinrich: Das Banat 1849 – 1867, a.a.O., S. 153.
[35] Ebd., S. 155.
[36] Ritters geographisch-statistisches Lexikon, Leipzig 1864.
[37] Diplich, Hans Hrsg.: Deutsches Bauernleben im Banat, a.a.O., S. 36.
[38] Ebd., S. 40.
[39] Ebd.
[40] Pierer's Universal-Lexikon (Bd. 2), Altenburg 1857, S. 470.
[41] Dr. F.H. Ungewitter’s neueste Erdbeschreibung und Staatenkunde (Bd. 1), Dresden 1872, S. 733.
[42] Brockhaus Konversationslexikon. 2. Bd. Leipzig 1894, S. 618.
[43] Enciclopedia Romana, Sibiu (Hermannstadt) 1898.
[44] Lalescu, Traian: Le Problème Ethnographique du Banat, Paris 1919.
[45] Handwörterbuch des Grenz- und Auslanddeutschtums (Bd. 1), S. 208.
[46] Vgl. Schenk Annemarie – Weber-Kellermann Ingeborg: Intherethnik und sozialer Wandel in einem mehrsprachigen Dorf des rumänischen Banats, Marburg 1973.
[47] Vgl. Petri, Anton Peter, Die Banater Siedlungen mit einem deutschen Bevölkerungsanteil, Mühldorf/Inn, 1972, S41.
[48] Vgl. Filippi Grosskopf, Catherine, Ähren des Lebens (2. Aufl.), Chicago, 1994, S. 70-77.
[49] Vgl. Obernhuber, Annemarie, in: Festschrift 25 Jahre Banater Schwaben in Forchheim, Forchheim, 2005, S. 14-18.
[50] Olea, Valer Petru, a.a.O., S. 79.
[51] Ebd.
[52] Ebd., S. 83.

 Copyright © Johann Bappert
 


 

ALTE ANSICHTSKARTEN UND SIEGEL

(Bildmaterial: Archiv Johann Bappert)

 

 

1. AK Bahnhof
Kisbecskerek 1903

2. AK Kisbecskerek 1907
Kirchen/Schulen/Theresienmühle

 

 

3. AK Kisbecskerek 1910
Schule/ Dorfladen/ Kirche/ Pfarrhaus

 

 

 

4. AK Kisbecskerek 1911
Gasthaus/ Laden/ Bahnhof/ serb. Kirche

 

 

 

5. AK Kleinbetschkerek 1936
150-Jahrfeier

 

 

 

6. „DEITS*KLEIN*BETSGEREG“ 1786
(Zeichnung Joh. Rech)

 

 

7. Dorfsiegel „K-Becskerek“
(dokumentiert von 1804 – 1831)

 

 

8. Dorfsiegel von 1831

 

 

 

 

 

9. Gemeindesiegel
aus der Zeit der „Wojwodschaft“
1849 – 1860

 

 

 

10. Gemeindesiegel ab 1861
„KIS BETSKEREK“

 

 

 

 

11. Gemeindesiegel ab 1870/80
„KIS BECSKEREK“

 

 

12. Das heutige Gemeindewappen
wurde 2014 offiziell eingeführt
 

 

   

Johann Bappert

2. Zur Geschichte der Katholischen Kirche und Pfarrei Kleinbetschkerek

1786 - 1811 - 2011

 

Schon bei der Planung des Ortsteils Deutsch-Kleinbetschkerek und dessen Besiedlung mit katholischen Kolonisten ist eine Pfarrstelle vorgesehen. Dies belegt ein Schreiben an den Temeswarer Bischof:

„…im gegenwärtigen Jahr die mit neuen deutschen Einwanderern zu besetzenden Dörfer Neu-Monostur (Orzidorf), Klein-Betschkerek, Skt. Andres, Morawicza und Neu-Wukowar (Niczkydorf) ebenfalls noch zu Stande ... . Als hat man die Ehre Euer Exzellenz ein solches mit dem freundschaftlichen Ersuchen zu eröffnen, womit gefällig sein wolle, für deutsche 6 Seelsorger also vorzusorgen, damit sie in vorgedachten Örtern längstens mit Ende Septembris angestellt werden mögen. Mit vollkommenster Hochachtung geharrend Euer Excellenz Dienstschuldigster Ladislaus Freiherr von Orczy Temeswar, den 20 Juni 1785".[i]

Die ankommenden Ansiedler, werden vorerst durch die Pfarrei Neubeschenowa betreut. Mit dem Bau der Siedlerhäuser wird auch ein Schulgebäude mit Lehrer- und Pfarrerwohnung errichtet (Hausnr. 70). Gegenüber wird ein Bethaus gebaut (Hausnr. 77) dessen Erstausstattung der Staat finanziert: „1 Glocke, 1 Kanzel, 1 Altar, 1 vergoldeten Kelch 1 Teller, 1 Taufschüssel samt Kanne, 1 Hostieneisen, 1 Kruzifix und die notwendigen Kirchenkleidungen u. Tücher.“[ii]

Am 1. Januar 1786 tritt Pfarrer Franz Cisper (* um 1729 + 01.06.1786) seine Stelle als erster Seelsorger der neuen Pfarrei an. Er war davor Pfarrer in Glogowatz (1766-1779), und Blumenthal (1779-1783).[iii] Er legt die ersten Matrikelbücher der r. k. Kirchengemeinde an, verstirbt jedoch schon am 1. Juni 1786 und wird in Kleinbetschkerek beerdigt.

Sein Nachfolger wird Johann Nocher (* um 1741 in Kaschau). ("Joannes Nocher Parochus emeritus p.t. administrator"). Er war vorher (1769-1781) in Saderlach tätig[iv].und bleibt bis zu seinem Tod (15.12.1788). Aus seiner Zeit ist die erste Kirchenrechnung (31.12.1786) belegt. In dieser Rechnung werden als Kircheneinnahmen fürs erste Jahr 14 Gulden und 23 Kreutzer Klingelbeutelgeld verzeichnet. „Demgegenüber die Auslagen für Kerzen, Öl u. Weihrauch 9 fl. Und 23 Kreutzer, für Wachs 1 fl. 7 Kreutzer, für Reparaturen u. neue Geräte 3 fl. 42 Kreutzer.“[v] Die ersten Kirchenväter waren, Johann Adam Buch und Simon Schomer (Schumer).

Ihm folgt (30.12.1788 – 01.09.1789) Pater Josef Marekl ("Josef Marekl Administrator parochiae"). In seiner Zeit wurde das Bethaus 1789 mit zwei Glocken versehen, mit der Inschrift: „Goß mich Josef Fischer vor die Becsker Gemeinde in Temesvar 1789“.[vi] Er weihte am 12. Mai 1789 den zweiten Friedhof, den heutigen „alten Friedhof“ ein.

Am 08.09.1789 wird der Franziskanerpater Inocentius Somody als neuer Gemeindepfarrer in sein Amt eingeführt. ("P. Inocentius Somody Ord. Min. Conventualis Parochus loci 8 tua septembris installatus")[vii] Von 1785-1787 war er Pfarrer in Wilagosch. Er wurde um 1742 geboren und verstarb am 13.02.1798 in Kleinbetschkerek, wo er auch am 15.02.1798 beerdigt wurde.[viii]

Peter Malik (* 1767 + 1834) kam am 17.02.1798 als Administrator und war davor Pfarrer in Heufeld. Er blieb in Kleinbetschkerek bis zum 14.05.1800. Danach kehrte er nach Heufeld zurück.

Nach ihm wird Adam Bramberger (*1751 + 23.11.1809) als Administrator der Pfarrei eingesetzt. Bramberger war davor in Tschiklowa (1778-1782) und in Steierdorf (1783-1786) tätig. Er stirbt am 23.11.1809 in Kleinbetschkerek, und wurde im „alten Friedhof“ beerdigt.

Für fast ein Jahr (14.11.1809 – 28.09.1810) übernimmt der Neubeschenowaer Kaplan Josef Haffner die Betreuung der Gemeinde. In dieser Zeit wird (29.05.1810) der Grundstein zur heutigen Kirche gelegt.

Von großer Bedeutung wird schließlich Stephan Karády (*um 1771 + 13.11.1818), der vom 29.09.1810 bis zu seinem Tod viel für seine Gemeinde tut. Karl Möller beschreibt den Zustand des alten Bethauses wie folgt: „Von 1786 bis 1810 betete man in Kleinbetschkerek in einer Bretterbude, erst im Mai 1810 wurde der Grundstein zur heutigen schönen Kirche gelegt, nachdem der Gottesschupfen schon bedenklich schief ausgeartet zu haben scheint.“ [ix]

In Karádys Amtszeit wird der Kirchenbau beendet. Das Kirchweihfest war am 17.11.1811 und wird fortan immer am ersten Sonntag nach Sankt Martin (11. November) gefeiert. Domherr Paul Nemethy weiht das Gotteshaus zu Ehren der unbefleckten Empfängnis Mariens, deren Feiertag der 8. Dezember ist.

Der Bau selbst wird vom Staat finanziert. Zusätzlich sammeln die Gläubigen noch 3427 Gulden und 72 Kreuzer, um den Bau mit einem 42 Meter hohen Turm zu schmücken, der bis zu seinem Einsturz 1998 der Stolz der Bewohner war. Zusätzlich spenden sie noch 4122 Gulden für die Innenausstattung. „Kostete doch eine Bank 28 Gulden, für das Ausmalen des Sanctuars erhielt Maler Lohs 242 Gulden, für die Bemalung und Vergoldung des Tabernakels sogar 390 Gulden, für die Bemalung der Kanzel forderte und erhielt Meister Josef Arnold 425 Gulden“.[x]

1816 weiht Pfarrer Karády das erste Altarbild, das später am Seitenaltar (Marienaltar) angebracht wird. Der Name der Stifter (Anton und Theresia Weißenberger) steht auf dem Bild: “CURA ADM: ROI: DNI: STEPH. KARÁDY PAROCHI INTENSIS D: ANTONI ET D. THERESIA WEISENBERGER MDCCCXVI”.

Pfarrer Stephan Karády wurde ebenfalls in Kleinbetschkerek beigesetzt. Laut Johann Rech gab es noch 1937 neben der Friedhofskapelle ein Marmorkreuz, das an ihn erinnerte. Leider ist dieses Kreuz heute nicht mehr zu finden.

Laut Pfarrmatrikel übernimmt Pfarrer Stephan Oltvanyi (in einigen Quellen fälschlich Ottvanyi genannt) am 13.11.1818 die Pfarrei und betreute diese bis zum 31.10.1832. Er stammte aus Szegedin. In seiner Amtszeit wird 1820 das neue Pfarrhaus errichtet. Auch dürfte der Kauf der ersten Orgel von ihm veranlasst worden sein: „Die Orgel kaufte man anno 1832 für 1000 Gulden.“[xi] Später war Oltvanyi in Grabatz Pfarrer, Dechant und ab 1846 Domherr und Großpropst des Csanader Domkapitels. Erwähnenswert ist der soziale Charakter seiner beiden Stiftungen. Die eine betrug 500 fl. Mit dem Zinsertrag sollten arme Schulkinder in Kleinbetschkerek, Grabatz und Schag mit Schulbüchern versorgt werden. Der Zinsertrag der 2. Stiftung von 600 fl. wurde für Bedürftige und Kranke aus Kleinbetschkerek verwendet. Aus seiner Zeit stammt auch das erste, uns überlieferte Kirchensigel (1827).[xii]

Für kurze Zeit (31.10.1832 – 31.05.1833) übernimmt Michael Geiger als Administrator die Seelsorge. Ihm folgt Pfarrer Mathias Mantzovics (* um 1794 in Deitha + 23.01.1843 in Kleinbetschkerek), der vom 01.06.1833 – 03.10.1842 hier seinen Dienst versah. Die Pfarrmatrikeln, die bisher in lateinischer Sprache geführt wurden, mussten ab Januar 1841 in ungarischer Sprache verfasst werden.

Vom 23.09.1842 bis zum 03.07.1843 ist Johann Heintz zuerst Kaplan und danach Administrator.

Am 11.07.1843 kommt Pfarrer Josef Novak (* 01.09.1803 Pest + 10.07.1880 Werschetz) nach Kleinbetschkerek und bleibt bis zum 29.10.1845. Danach wird er nach Bogarosch versetzt, wo er am 2. Oktober 1849 die berühmte Bitschrift an den Kaiser verfasst, die auch als „Schwabenpetition“ bekannt wurde. Seine besondere Bedeutung für die Kleinbetschkereker besteht darin, dass er erstmals eine Hebamme aus Wien kommen lässt, um das Kindbettfieber, an dem viele junge Frauen starben, zu bekämpfen.

Nur für kurze Zeit ist Jakob Vranovits (29.10.1845 – 19.02.1846) stellvertretend in der Gemeinde.

In der Amtszeit von Johann Stverteczky (15.04.1846 – 22.01.1849) „wurde das große Altarbild um 114 Gulden in Wien angekauft“. [xiii]
Die große Glocke war gesprungen und musste umgegossen werden (von 730 auf 780 Pfund). Für die Turmuhr, die 1848 in der „J. Manhardt’schen Königl. Bayr. Hof-Thurmuhren-Fabrik“ in München gefertigt wurde, „wurden 7000 Gulden und fünf Zentner Kukuruz bezahlt.
[xiv]

Pfarrer Stverteczky magyarisiert ab Oktober 1848 seinen Namen auf Szittya Janos. Während der Revolution unterstützt er die ungarischen Freiheitskämpfer. Dafür kam er in Temeswar ins Gefängnis, kam wieder frei und wurde später nach Rekasch versetzt. Dort wird er wegen seiner Gesinnung verhaftet, wird vom Kriegsgericht verurteilt und landet 5 Jahre im Kerker. Nach seiner Begnadigung ist er bis zu seinem Tod (1872) Pfarrer in Alt-Beschenowa.[xv]

Pfarrer Dr. theol. Wilhelm Christoph Adams übernimmt am 23.01.1849 die Gemeinde und zieht schon am 18.06.1849 nach Hatzfeld.

Ihm folgt Josef Rácz (07.07.1849 – 24.10.1850). Ab 02.03.1850 werden die Kirchenbücher wieder in lateinischer Sprache geführt.

Paul Mezey wirkt 20 Jahre in Kleinbetschkerek (25.10.1850 – 08.10.1870). 1855 besucht der päpstliche Nuntius Kardinal Michael Prela, Bischof von Cartagena und Bologna, begleitet vom Domherr Stephan Oltvanyi die Gemeinde. Zur Unterstützung der Armen aus Kleinbetschkerek richtet St. Oltvanyi zwei weitere kirchliche Stiftungen ein. Paul Mezey lässt am 30. Oktober 1857 den „Pfarrfond“ einrichten. Es wird Ackerland gekauft, um aus den Erträgen die Armen zu unterstützen.

Während der Dürre von 1863 und der folgenden Not ließ Paul Mezey „aus eigenen Mitteln täglich 25 Laib Brot backen und an die Bedürftigen ohne Unterschied des Bekenntnisses verteilen. Auch Holz begann er zu verteilen und den Kleinhäuslern gewährte er zinslose Geldvorschüsse.“ [xvi] 1858 wurden die Bilder der 14 Stationen gestiftet.

Ebenfalls 20 Jahre wirkt Pfarrer Mathias Schäfer in Kleinbetschkerek (11.10.1870 – 23.10.1890). Er bestellt 1875 eine 10 Zentner schwere Glocke, die 552 Gulden und 32 Kronen kostet, und schon 1884 wieder umgegossen werden muss. Danach wog sie noch 478 kg. Der Umguss kostet 269 Gulden und 30 Kronen. Pfarrer Schäfer lässt auch den ersten Friedhof, der 83 Jahre lang nicht mehr genutzt wurde, vergrößern. Am 05.11.1872 wird er wieder eröffnet und bis heute noch genutzt.

Für wenige Monate übernimmt Administrator Koloman Tapolscanyi die Pfarrei (27.10.1890 – 08.03.1891).

Ein bedeutender Pfarrer ist Julius Wieselmayer, der mehr als 35 Jahre in Kleinbetschkerek wirkt. (15.03.1891 – 27.11.1926) Er veranlasst 1893 für die Kirche den Kauf des „großen Wirtshauses“, auf dessen Gartenfläche später die neue Schule gebaut wurde. Der Preis betrug 6500 Gulden.

Am 11. und 12. November 1911 organisiert Wieselmayer, die Hundertjahrfeier der Kirche. Johann Rech, der als junger Lehrer an der Feier beteiligt war, berichte darüber ausführlich in seiner Chronik: „Abtdomherr Dr. Josef Groß wurde am Vorabend, Samstag, am Bahnhof vom Gemeinderichter Josef Schmidt herzlichst begrüßt. Dann ging’s von den Kirchweihburschen, zahlreichen Wagen und Reitern begleitet in die festlich geschmückte Gemeinde. Die Bevölkerung und die Schuljugend bildete unter Führung der Lehrerschaft Spalier bis zum Pfarrhaus. Abends fand zu Ehren des hohen Gastes und zu Ehren des eben neuernannten Dechant-Pfarrers Julius Wieselmayer eine Lampionserenade statt, wobei der deutsche Gesangverein unter der vorzüglichen Leitung des Kantorlehrers Josef Malz schöne Lieder sang. Dann folgte eine Turmmusik, welche das erhabene Lied 'Großer Gott wir loben dich‘ intonierte.“ [xvii]

1914 werden nach Ausbruch des ersten Weltkriegs die 3 Kirchenglocken für den Krieg geopfert. Die Kirche muss 6 Jahre ohne Glocken auskommen. Erst 1920 bestellt Pfarrer Wieselmayer 3 neue Glocken, die durch Spenden der Gläubigen gekauft werden.

Pfarrer Wieselmayer ist auch der erste Chronist, dem wir die Angaben über die Geschichte der Kleinbetschkereker Pfarrei und seiner schwäbischen Bevölkerung verdanken. Sowohl Karl Möller, als auch Lehrer Johann Rech werteten seine Pfarrchronik aus. An Pfarrer Wieselmayer erinnert noch heute eine Gedenktafel unter der Kanzel.

Nikolaus Uitz (* 08.11.1866 Sackelhausen + 17.03.1928 Kleinbetschkerek) betreut die Pfarrei nur kurz (01.01.1927 – 17.03.1928) Er wurde in Sackelhausen beigesetzt.

Jakob Maus ist schon ab 01.12.1925 unter Wieselmayer als Kaplan und danach bis 02.10.1928 als Administrator tätig. Er war der Gründer des katholischen Jugendvereins und der Schulstiftung „Studienfond“, die armen Schülern ein Mittelschulbesuch ermöglichte.

Sehr beliebt war Pfarrer Wilhelm Dewald, der vom 07.10.1928 bis zum 11.08.1935 hier wirkte. Er legt ein großes Gewicht auf die Jugendarbeit, gründet Jugendvereine, für die neben dem Pfarrhaus ein Jugendheim eingerichtet wird. 1930 ist er der Initiator der „Kleinbetschkereker Jugendtagung“, bei der sich fast 50 Jugendvereine mit 2500 Jugendlichen aus dem Banat, aber auch aus Deutschland treffen. Ehrengast ist der Temeswarer Bischof Dr. Augustin Pacha.

Der letzte eigene Priester, den die Kleinbetschkereker Pfarrei hatte, war Michael Willjung (*06.01.1901 Sackelhausen + 11.05.1973 Regensburg). Er setzt die Arbeit seines Vorgängers fort. Pfarrer Willjung war bischöflicher Sekretär der Diözese Temeswar, Konsistorialrat und Dekan des Billeder Dekanats. Am 8. Und 9. August 1936 wurden 150 Jahre seit der Gründung und Ansiedlung des deutschen Ortsteils gefeiert. Gleichzeitig wurde das 125-jährige Jubiläum der Kirche festlich begangen. Doch schon nach wenigen Jahren bricht der zweite Weltkrieg aus und endet auch für die Kleinbetschkereker Deutschen mit Flucht, Vertreibung und Deportation. Pfarre Willjung versucht nach dem Krieg das Leid der Zurückgebliebenen zu lindern, wird aber am 28. August 1951 verhaftet und am 25. Januar 1952 zu 9 Jahren Kerker und danach zu weiteren 3 Jahren Verbannung verurteilt. Er darf seine Pfarrstelle nicht mehr besetzen und wird 1963 in die Bundesrepublik abgeschoben, wo er noch in einem Regensburger Caritas-Altenheim tätig war.

Bis zur letzten großen Auswanderung der deutschen Bevölkerung 1990, werden die Kleinbetschkereker Katholiken durch die Seelsorger der Nachbardörfer betreut. Es waren die Pfarrer Johann Lauer (09.09.1952 – 23.12.1952), Hans Schmidt (01.01.1957 – 13.05.1979) und später Karl Zwick, Pater Clemens genannt (17.07.1980 – 07.11.1987) aus der Pfarrei Neubeschenowa, Josef Wild (1952 - 1956) aus Billed, Franz Gottfried Huhn (23.07.1979 – 08.07.1980) aus der Pfarrei Alexanderhausen. Gottfried Huhn hat große Verdienste um den Kleinbetschkereker Kirchenchor, sowohl in der alten Heimat, als auch in der neuen (in Forchheim) erworben.

Nach dem Krieg waren noch lange Einschüsse im Turmbereich zu erkennen. Durch Spenden der wenigen Zurückgebliebenen und der Landsleute aus dem Westen wurde das Gebäude 1967 renoviert. Im Westen wurden die Spenden vom ehemaligen Pfarrer Michael Willjung gesammelt. Gespendet wurden 1040 Dollar aus USA und Canada, 2473 DM aus Deutschland und 6380 Schillinge aus Österreich.[xviii] Dabei wendete Pfarrer Willjung sich mit bewegenden Worten an seine Landsleute: „In dieser Kirche habt Ihr, haben Eure Vorfahren, Eltern und Verwandten, wir alle immer wieder Mut, Kraft und Ausdauer für unseren Lebenskampf geschöpft. Sie begleitet uns durch das Leben. Von der Wiege bis zum Grabe. O, wenn dieser Altar, die Wände, der Turm, die Uhren, die Glocken sprechen könnten! Was haben diese schon gehört und gesehen seit 1811? Menschen kamen, Menschen gingen. Besonders in den letzten Jahrzehnten. Könnt Ihr Euch noch erinnern, wie die Glocken Euch bei Eurer Flucht nach Westen verabschiedet haben? Meine Schwester und ich haben sie gezogen mit dem Gedanken: Ihr sollt noch einmal, vielleicht das letzte Mal die Glocken der Heimat hören; sie mögen Euch in Eure unsicher Zukunft begleiten, sie mögen Euch stets an die alte Heimat erinnern.“[xix]

Schon nach dem großen Sturm vom 27. Juni 1982 mussten Dachschäden behoben und das Turmkreuz ersetzt werden. Der schlimmste Schaden wird jedoch durch den Sturm vom 28.07.1998 verursacht. Der Turm kommt zum Einsturz, beschädigt sowohl das Dach als auch das Deckengewölbe, das teilweise einbricht und im Innenraum weitere Schäden nach sich zieht.

Durch die Unterstützung des Bistums Temeswar und der Gemeindeverwaltung wurden das Dach und der Rest des Turmes mit Blech gedeckt. Der Innenraum kann jedoch bis heute nicht genutzt werden. Die wenigen Katholiken in Kleinbetschkerek feiern ihre Gottesdienste im Pfarrhaus und werden aus Billed von Pfarrer Bonaventura Dumea betreut.

In der neuen Heimat gestaltet unser Heimatpfarrer Peter Zillich regelmäßig die Gottesdienste zur Banater Kirchweih und zum Kleinbetschkereker Heimattreffen, begleitet vom Banater Kirchenchor unter der Führung von Franz Gottfried Huhn.

  

Quelle: Bappert, Johann: Noch sprechen die Steine. Kirche und Friedhof in Kleinbetschkerek, Forchheim, 2011, S. 21-26


[i]           Geschichte der Gemeinde Orzidorf 1785-1935, Timişoara 1935, S. 42.
[ii]           Rech, Johann: Chronik von Deutsch-Kleinbetschkerek. Geburts- und Heimatort des Lehrers Johann Rech (Manuskript) 1937, S. 37.
[iii]          Dr. A. P. Petri, Römisch katholische Seelsorger, die in deutschen Siedlungen des Banats und des Arader Komitats gewirkt haben, 1702-1800, Mühldorf /Inn, 1992, S. 8.
[iv]          Ebd.
[v]          Rech, Johann: Chronik von Deutsch-Kleinbetschkerek, a.a.O., S. 37.
[vi]          Möller, Karl von: Wie die schwäbischen Gemeinden entstanden sind. Zweiter Teil Temesvar 1924, S. 75.
[vii]         Kirchenbücher der Pfarrei Kleinbetschkerek, Taufregister I., S. 13.
[viii]        Kirchenbücher der Pfarrei Kleinbetschkerek, Sterberegister I., S. 50.
[ix]          Möller, Karl, a.a.O., S. 75.
[x]          Ebd.
[xi]          Ebd.
[xii]         Klimstein, Franz von: Imago Expressa Sigillorum [Dioceseos Temesvariensis], Timisoara, Editura Pardon, 2007, S.54.
[xiii]        Rech, Johann – Reuter, Mathias: Kleinbetschkerek. Geschichte einer gemischtsprachigen Gemeinde im Banat, Freilassing 1972, S. 48.
[xiv]        Ebd.
[xv]         Vgl. Rech, Johann: Chronik von Deutsch-Kleinbetschkerek, a.a.O., S. 69.
[xvi]        Lay, Heinrich: Das Banat 1849 – 1867. Historische Dokumentation, Töging a. Inn 2001, S.155.
[xvii]       Rech, Johann: Chronik von Deutsch-Kleinbetschkerek, a.a.O., S. 92.
[xviii]       Vgl. Filippi Grosskopf, Catherine, Ähren des Lebens, Chicago, 1993, S. 87.
[xix]        Ebd.

Copyright © Johann Bappert

 


 

B I L D E R

(Bildmaterial: Archiv Johann Bappert, Nikolaus Nauy, Josef Friedrich)
 

 

Katholische Kirche 1997

 

Katholische Kirche - Nach dem Sturm vom 28.07.1998

 

 

 

Katholische Kirche 2003

 

 

Katholische Kirche 2010

 

 

Das 1. Altarbild 1816
(später Seitenaltar)

 

Marienbild am Hauptalter (1846)

 

 

 

 

 

Altar

 

 

Taufbrunnen

 

 

 

 

Die Kanzel mit Sankt Martin

 

 

 

 

Die neue Orgel
(erbaut von Franz Kecskés in Temeswar, vor dem 2. WK)

 

Altargewölbe links

 

 

Altargewölbe rechts

 

 

Gewölbe 2010

 

 

Innenansicht 2010

 

 

Die Glocken

 

Kirchensiegel 1827:
¬Sigil:[lum] Eccles:[iae] Paroch: [ialis] R[oma]no: Cath: [olicae] Kiss Becskerekiensis 1827

 

Kirchensiegel 1848:
Kis Becskereki R: [ómai] K: [atolikus] Egyház 1848

 

 

Kirchensiegel 1890:
¬Eccl.[esia] R.[omano] Cath: [olicae] Kis. Becskerek 1786

 

 

Kirchensiegel 1910:
¬Kisbecskerek ¬ Rom.[ai] Kath.[olikus] Egyház Pecsétje. 1785

 

Kirchensiegel 1924
¬Sigillum Ecclesiae Rom.[ano] CATH.[olicae] ¬ Becicherecul-Mic

  

 

Kirchensiegel 1958:
¬ Parohia Rom.[ano] Cat.[olica] ¬Becicherecul-Mic

 

 

 

Gedenktafel für
Dechant Julius Wieselmayer

 

Gedenktafel für
Dechant Wilhelm Dewald

 

 

Gedenktafel für
Ehrendomherr Josef Elsner

 

 

Gedenktafel für
Pfarrer Michael Willjung

   

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Johann Bappert

3. Die Flucht der Kleinbetschkereker vor 75 Jahren

Als sich unsere Vorfahren 1784, in der Hoffnung auf ein besseres Leben, auf den Weg ins „Ungarnland“ machten, um im Banat eine neue Heimat zu finden, war es meist ihre freie Entscheidung. 160 Jahre später sahen sich viele Banater Schwaben aus Kleinbetschkerek gezwungen, diese Heimat wieder aufzugeben. Sie mussten sich in wenigen Stunden zwischen Bleiben oder Flucht entscheiden. Da die jungen Männer im Krieg waren, mussten meist die Frauen für sich und ihre Kinder diese schwierige Entscheidung treffen.

Die Ereignisse vor genau 75 Jahren haben das Leben der deutschen Bevölkerung nicht nur in Kleinbetschkerek sondern im ganzen Banat radikal verändert. Der Front- und Regimewechsel Rumäniens am 23. August 1944 war auch für die Banater Schwaben ein einschneidendes Ereignis. Es gab bereits Pläne zur Evakuierung der Deutschen Bevölkerung aus dem Banat und die sich auf dem Rückzug befindenden deutschen Truppen riefen diese zur Flucht auf.

Am 10. September kam eine Einheit einer deutschen Polizeidivision aus Serbien Richtung Temeswar bis Kleinbetschkerek. Die Lage änderte sich in den folgenden Tagen blitzartig. Eine rumänische Einheit versuchte das Dorf zu besetzen, wurde aber am 15. September zurückgedrängt. Am gleichen Tag bombardierten deutsche Stukas Temeswar.

Vom 15. bis 17. September setzten sich in den Nachbarorten die ersten Wagenkolonnen der Flüchtlinge in Bewegung. Da es weder klare Befehle noch Zuständigkeiten gab, konnten die meisten Dörfer nicht rechtzeitig evakuiert werden. Trotzdem flüchteten die deutschen Bewohner aus einigen westlichen Gemeinden wie Marienfeld, Neusanktpeter oder Albrechtsflor in großen Trecks vor der sich nähernden sowjetischen Armee.

Nachdem die russischen Truppen zwischen dem 17. und 21. September Temeswar und Arad besetzt hatten, war für die meisten Banater Schwaben der Fluchtweg schon versperrt.

Kleinbetschkerek befand sich mitten auf der neuen Frontlinie. Am 15. September kam eine deutsche Einheit ins Dorf und forderte die deutsche Bevölkerung auf zu fliehen.

Über die Flucht der Kleinbetschkereker gibt es zahlreiche Augenzeugenberichte, die auch in Büchern, Zeitungen und anderen Schriften veröffentlicht wurden. Darüber hinaus existieren Berichte über das Leben der Landsleute, die im Dorf zurückgeblieben waren.

Der vorliegende Beitrag, eine Überblicksdarstellung über die Flucht der Kleinbetschkereker im Treck oder mit der Eisenbahn und die Lage der im Dorf verbliebenen Landsleute beruht auf folgenden Quellen (in chronologischer Anordnung):

·        Catherine Filippi Grosskopf: Ähren des Lebens, Chicago, 1993 (Kap. „Die Flucht“) [Sie floh als 14-jährige mit ihrer Mutter im Treck bis nach Oberösterreich und lebt heute in den USA. Ihr Fluchtbericht stützt sich auch auf Tagebücher von Margarethe Anton, geb. Renn (geb. 1921) und Maria Pilger, geb. Bartl (1898-1995).]

·        Für 14 Tage geflohen - und ein Leben lang fortgeblieben. 60 Banater Schwaben verschlug es nach Forchheim, in: „Fränkischer Tag“, 17. Dezember 1994

·        Die Rückkehr bitter bereut. Ein Bericht von Anna Hell, geb. Frey, über die Flucht ihrer Familie 1944 nach Forchheim und Rückkehr 1947 nach Kleinbetschkerek, in: „Fränkischer Tag“, 17. Dezember 1994

·        Vom Leid einer schwäbischen Gemeinde. Bericht von Pfarrer Johann Lauer aus der „Historia Domus“ der Gemeinde Neubeschenowa für die Jahre 1944-1947 [mit einer Einführung von Dr. Franz Metz], in: Banater Post, Nr. 11 vom 5. Juni 1995 und Nr. 12 vom 20. Juni 1995

·        Erinnerungen an die Flucht von Anna Reiter, geb. Sechi (1918-2011), in: Festschrift zum Kleinbetschkereker Heimattreffen 1999 in Forchheim

·        Valer Petru Olea: Becicherecu Mic, Alba Iulia 2004 [Als rumänisch-orthodoxer Pfarrer in Kleinbetschkerek berichtet er objektiv über die Kriegs- und Nachkriegsjahre in der gemischtsprachigen Gemeinde.]

·        Annemarie Obernhuber: Fluchtwege mit Pferd und Wagen oder mit der Eisenbahn, in: Festschrift der Landsmannschaft der Banater Schwaben. 25 Jahre Banater Schwaben in Forchheim, 2005

·        Annemarie Steiner: Damals in Kleinbetschkerek Vom Aufwachsen in einem donauschwäbischen Dorf, Linz 2005 (Kap. „Vertreibung und Flucht“) [Nach Berichten ihrer Mutter Anna Fritsch, geb. Müller (1925-2012), die als junge Witwe mit ihren 4 Töchtern und ihrer Mutter Maria Müller, geb. Rech (1901-1982), im Treck bis nach Oberösterreich kam.]

·        Anna Elisabeth Kunesch: … und die Seele voll Sehnsucht nach Glück und Verstehn. Die Banater - von ihrer Auswanderung bis zur Heimkehr, Bürmoos, 2008 [Nach Berichten ihrer Mutter Anna Maria Krier, geb. Schwengler (1922-2003), die mit ihren Eltern Nikolaus Schwengler und Anna Maria, geb. Braun, im Treck bis nach Ried und Schildorn kam.]

·        Berichte von Johann Bappert sen. (1927-1995) über seine Flucht mit der Kolonne bis Serbien, seine Rückkehr, die Zeit von September 1944 bis Januar 1945 in Kleinbetschkerek und die anschließende Deportation in die sowjetischen Arbeitslager bis 1949

 

       I.            Die Flucht im Treck mit Pferdewagen

Die am 16. September 1944 im Treck angetretene Flucht dauerte 48 Tage. Sie führte durch insgesamt 169 Ortschaften und endete am 2. November 1944.

15.09.1944: Die Wehrmacht kommt ins Dorf. Aufforderung zum Packen und zur Flucht.

16.09.1944: 19-20 Uhr Versammlung in der „Kerchegass“ mit gepackten Wagen. Der Treck besteht aus 137 Pferdewagen und einem Traktor. Beim Aufbruch der Kolonne läuten die Kirchenglocken.

17.09.1944, 1 Uhr: Ankunft in Gertianosch, eine Stunde Rast. Um 6 Uhr Ankunft in Hatzfeld, Kühe gemolken, Milch verteilt. Zwei Stunden später Grenzüberquerung nach Serbien. Um 10 Uhr Rast in Deutsch-Zerne/Srpska Crnja und Übernachtung bei Bauern.

18.09.1944, 5 Uhr: Aufbruch. Bis Tschestereg/Čestereg Fahrt durch acht serbische Dörfer. Angriffe durch serbische Partisanen werden durch Wehrmachtsoldaten verhindert. Übernachtung in Tschestereg. Mehrere junge Männer im Alter von 15-16 Jahren müssen zurück in die Heimat, sie sollen diese mit Waffen verteidigen.

19.09.1944, 6 Uhr: Weiterfahrt über St. Georgen an der Bega/Žilište, Lazarfeld/Lazarevo, Kathreinfeld/Ravni Topolavac. Um 15 Uhr Ankunft in Sigmundfeld/Lukićevo. Zehn Tage Rast in der Hoffnung auf eine Rückkehr.

30.09.1944: Aufforderung, den Ort zu verlassen, da Partisanen Rudolfsgnad/Knićanin überfallen hatten. In der Nähe hört man schon Schüsse. Viele wollen zurück. Drei Familien treten den Rückweg an und fallen in die Hände von Partisanen. Die Männer (Nikolaus Benz, Anton Michael Pfaffenrath und Michael Reuter) werden erschossen, Frauen und Kinder kommen in serbische Lager.

01.10.1944: Weiterfahrt bis Etschka/Ečka durch Wasser und Schlamm. Auf Übernachtung wird verzichtet. Die Kolonne zieht durch Perlas/Perlez und Rudolfsgnad. In der Nähe hört man Kampflärm. Um 21 Uhr Ankunft in Titel. Rast bis 24 Uhr. Die Pferde werden gefüttert. Der Traktor von Josef Botscheller muss repariert werden. Wehrmachtsoldaten berichten vom Einfall der Russen am 1. Oktober in Sigmundfeld.

02.10.1944: Bei strömendem Regen durch die Nacht bis Waldneudorf/Budisava. Die Leute werden zwei Tage einquartiert. Dabei werden die Kleider getrocknet und Brote gebacken.

04.10.1944: Die Kolonne fährt durch Katsch/Kać. Um 20 Uhr Ankunft in Neusatz/Novi Sad. Die Militärverwaltung sorgt für Essen. Frauen und Kinder übernachten in der Schule.

05.10.1944, 8 Uhr: Weiterfahrt bis nach Futok/Futog. Zum Mittagessen werden alle deutschen Familien zugeteilt. Über Begeč und Gložan geht es weiter bis Tscheb/Čelarevo, wo übernachtet wird.

06.10.1944, 9 Uhr: Weiterfahrt.

07.10.1944, 7 Uhr: Weiterfahrt bis Plankenburg/Bačka Palanka. Rast und Mittagessen in der Volksküche. Danach führt der Weg über Obrovatz/Obrovac, Batsch/Bač, Dornau/Deronje, Hodschag/Odžaci. In Milititsch/Srpski Miletić wird schließlich übernachtet.

08.10.1944, 7 Uhr: Aufbruch. Fahrt durch Doroslo/Doroslovo und Stapar bis nach Sombor.
Nach drei Stunden Halt geht es weiter über Besdan/Bezdan bis Kolut. Es wird auf der Straße übernachtet. Josef Botscheller muss seinen Traktor zurücklassen.

09.10.1944, 7 Uhr: Abfahrt. Der Weg führt über Bereg, Hercegszántó, Dávod, Csátalja, Bátmonostor bis nach Baja. Hier wird auf der Straße übernachtet.

10.10.1944, 10 Uhr: Weiterfahrt der Kolonne über Érsekcsanád und Sükösd. Um 20 Uhr Ankunft in Nemesnádudvar. Im Ort ist Weinlese. Bei Leuten einquartiert. Hier wird gekocht, Brot gebacken und gewaschen.

11.10.1944, 14 Uhr: Aufbruch. Fahrt durch Érsekhalma, Hajos, Miske, Kalocsa, Dunapataj und Harta. Unterwegs auf der Straße übernachtet.

12.10.1944, 15 Uhr: Ankunft in Solt an der Donau.

13.10.1944: Um 3 Uhr nachts geht es unter militärischer Aufsicht über die Donaubrücke nach Dunaföldvár. Da viel Militär anrückt, schaffen es die letzten erst um 7 Uhr über die Donau. Die Wagen versammeln sich schließlich auf einer Wiese. Es wird  

                       Kartoffelsuppe gekocht. Um 16 Uhr Weiterfahrt auf schlechtem Weg. Um 21 Uhr Halt zur Übernachtung auf freiem Feld. In der Nähe sieht man Leuchtraketen. Alle gehen in Deckung.

14.10.1944: Weiterfahrt.

15.10.1944: Um 5 Uhr wird auf der Wiese gekocht. Die Kleider werden gereinigt. Es wird im Freien geschlafen. Fast alle Kühe werden verkauft. Um 6 Uhr geht es weiter über Előszállás, Alsószentiván, Cece, Igar, Mezőszilas, Dég, Enying, Balatonbozsok, Balatonkenese und Balatonfűzfő. Beim Mittagessen in einer Gemeinde kommt die Nachricht, Ungarn habe kapituliert. Man übernachtet wieder unter freiem Himmel.

16.10.1944, 6 Uhr: Aufbruch, um schnellstens Ungarn zu verlassen. Die Fahrt geht über Litér bis Veszprém. In der Stadt trifft man auf Kleinbetschkereker, die mit dem Zug geflüchtet waren. Da es in der Stadt kein Brot gibt, werden auf der Wiese Kartoffel gekocht.

17.10.1944, 6 Uhr: Weiterfahrt über Márkó, Bánd, Herend, Városlőd, Kislőd bis Ajkarendek. Hier wollen die Einwohner niemand in die Häuser lassen. Soldaten müssen schließlich Überzeugungsarbeit leisten.

18.10.1944: In der Früh zieht der Treck weiter durch Devecser, Somlóvásárhely, Somlójenő, Tüskevár, Apácatorna, Kisberzseny, Karakó bis Jánosháza, wo auf der Straße übernachtet wird. Es wird eingekauft. In der Nacht regnet es und alle sind durchnässt.

19.10.1944, 6 Uhr: Es geht weiter über Kissomlyó, Borgáta, Káld, Gérce, Sárvár bis Rábasömjén. Die 23-jährige Margarethe Weißgerber klagt plötzlich über Halsschmerzen und soll ins Krankenhaus. Sie verstirbt und wird noch am gleichen Tag auf dem Friedhof von Rábasömjén durch den Ortspfarrer beerdigt. Die Flüchtlinge übernachten im Ort.

20.10.1944: Um 7 Uhr fährt die Kolonne weiter durch Felsőpaty, Zsédeny, Hegyfalu, Tompaládony, Sajtoskál, Simaság, Felszopor, Újkér, Lövő, Sopronkövesd bis Nagycenk, wo auf der Straße übernachtet wird.

21.10.1944, 10 Uhr: Fortsetzung der Reise über Kópháza bis Sopron (Ödenburg). Es ist die letzte Übernachtung in Ungarn.

22.10.1944: Um 7 Uhr wird die österreichische Grenze überschritten. Danach folgen Klingenbach, Siegendorf, Wulkaprodersdorf, Großhöflein, Müllendorf, Hornstein und Neufeld a. d. Leitha.
Es regnet. Die Flüchtlinge übernachten in Baracken.

23.10.1944, 7 Uhr: Die Fahrt setzt sich fort über: Ebenfurth, Pottendorf, Teesdorf, Günselsdorf, Leobersdorf. In Pottenstein wird auf einem Bauernhof bei Dienstleuten übernachtet. Man kocht und trocknet die Kleider.

24.10.1944, 8 Uhr: Aufbruch. Die Route führt durch die Berge über Weissenbach a. d. Triesting, Thenneberg, Rehhof, Kaumberg bis Hainfeld, wo die Flüchtlinge die Nacht verbringen.

25.10.1944, 8 Uhr: Aufbruch Richtung Rainfeld, St. Veit an der Gölsen, Traisen, Rotheau, Wilhelmsburg, St. Georgen a. Steinfelde. In St. Pölten bilden 140 Wagen auf einer Wiese einen Kreis. Frauen und Kinder dürfen in der Schule schlafen.

26.10.1944: Um 6 Uhr werden Kaffee, Brot, Semmeln und Wurst verteilt. Bei der Abfahrt eine Stunde später gibt es Streit darüber, wer vorausfahren darf. Die Fahrt geht über Gerersdorf, Prinzersdorf, Großsierning, Loosdorf, bis nach Melk. Hier treffen weitere Kolonnen ein. Schwestern fragen nach Krankheitsfällen. In Melk sucht sich jeder bei Leuten eine Unterkunft für die Nacht.

27.10.1944, 7 Uhr: Weiterfahrt über Ordning, Erlauf, Kemmelbach, Neumarkt a. d. Ybbs, Blindenmarkt, Balldorf bis Amstetten. Die Wagen bleiben auf der Wiese, Frauen und Kinder schlafen im Turnsaal. Es gibt Waschmöglichkeiten.

28.10.1944: Um 8 Uhr wird der Weg fortgesetzt über: Ludwigsdorf, Oed bei Amstetten, Strengberg, Rems bis nach Enns. Die Wagen lagern in einem Kasernenhof während die Leute in der Schule übernachten.

29.10.1944: Rast- und Ruhetag. Es gibt endlich Bademöglichkeiten.

30.10.1944: Die Kolonne zieht weiter über Kirstein, Asten, Linz, Marchtrenk bis Wels. Hier dient als Nachtlager wieder eine Schule.

31.10.1944, 7 Uhr: Die Fahrt wird fortgesetzt über: Lambach, Neukirchen b. Lambach, Willing, Bachmanning, Hörbach, Grieskirchen, Jeding, Attnang, Geboltskirchen, Marschalling bis Haag a. Hausruck. Alle übernachten in der Schule. Die Ortsbewohner sind freundlich und hilfsbereit.

01.11.1944: Am Feiertag (Allerheiligen) ruhen alle und denken an die verlassene Heimat. Die Behörden geben die Zuteilung der geflüchteten Familien bekannt.

02.11.1944: Die letzte Wegstrecke führt über Roitham, Geiersberg, bis Ried i. Innkreis. Das Amt kümmert sich um die Verteilung der Familien.

Damit endet die Odyssee, nach 48 Tagen. Für die Flüchtlinge folgen schwere Monate und Jahre bis sie in Österreich oder auch in Deutschland, USA, Frankreich, Canada, Argentinien oder Brasilien sesshaft werden.

Die Ereignisse während ihrer Flucht können sie jedoch nie vergessen. Die Sehnsucht nach dem Heimatort, den man verlassen musste, bleibt in ihren Herzen.

 

     II.            Die Flucht mit der Eisenbahn

Bei einem Erinnerungstreffen am 20.11.1994 in Forchheim erzählen Teilnehmer 50 Jahre nach ihrer Flucht mit der Eisenbahn bis Bamberg und Forchheim über das, was sie damals erlebt hatten. Von den damaligen Flüchtlingen, die bis Forchheim kamen, leben heute noch Elisabeth Zaicsek, geb. Jung, die am 11. Mai dieses Jahres ihren 90. Geburtstag feierte, und Anna Hell, geb. Frey, die bei der Flucht 11 Jahre alt war.

Über diese Flucht ist uns Folgendes überliefert:

Nachdem die Wehrmacht zur Flucht aufgerufen hatte und ein Großteil der deutschen Bevölkerung bereits am 16. September 1944 das Dorf mit Pferdwagen verlassen hatte, ergab sich einen Tag später eine letzte Fluchtmöglichkeit.

Am 16. September hatten zwei rumänische „Freiheitskämpfer“ versucht die Bahnbrücke zu sprengen. Sie werden von deutschen Soldaten gestoppt und erschossen. Ein letzter Güterzug erreicht den Bahnhof. Dieser wird angehalten und für Flüchtlinge bereitgestellt. Familien, die weder Pferd noch Wagen besaßen, besonders Handwerker und Frauen, deren Männer Militärdienst leisteten, nutzten jetzt die letzte Chance zur Flucht. Zurück blieben die alten Leute, um Haus und Tiere zu versorgen. Die Flüchtlinge nahmen nur das Nötigste an Lebensmitteln und Kleidern mit, denn man hoffte, in 14 Tagen wieder nachhause zurückkehren zu können.

Am 17. September 1944 um 19 Uhr verließ der Zug mit ca. 125 Personen den Kleinbetschkereker Bahnhof.

In Billed sind weitere Flüchtlinge hinzugekommen. Auf der Strecke wurden weitere Waggons angehängt, so dass der Zug später 50-60 Waggons umfasst.

Bei einem Halt in Großkikinda stiegen Familien aus Gertianosch und Steierdorf hinzu. Die wichtigsten Stationen waren Fünfkirchen (Pécs), Wesprim (Veszprém), Waschludt (Városlöd), Ödenburg (Sopron), Klagenfurt, Wien, Neumarkt i. d. Oberpfalz, und schließlich Forchheim.

Die weite Fahrt, die mit vielen Unterbrechungen und tagelangem Warten 42 Tage dauerte, brachte täglich neue Überraschungen. Für die Kinder war es ein Ausflug in die weite Welt. Sie erkannten den Ernst der Lage noch nicht. Die Erwachsenen hingegen kämpften mit Ängsten und Sorgen, zumal sie nicht wussten, wie es weitergehen würde und wie es den zuhause Zurückgebliebenen ergeht.

Bei längerem Halt wurde auch in Ortschaften übernachtet. In Fünfkirchen beispielsweise nächtigten die Flüchtlinge in einem schönen Haus, in dem das Schlaflager jedoch voller Läuse war. Unterwegs begab man sich immer wieder auf die Suche nach Lebensmitteln. Mal gibt es nichts zu essen, ein anderes Mal brachten Leute in Ungarn Gulasch und Milch an den Zug. Während eines 14-tägigen Aufenthalts arbeiteten die Leute auf dem Feld oder auch als Maurer und Schreiner in einem Kohlebergwerk.

Unterwegs ging ein Kind verloren, das jedoch später in Neumarkt der Mutter übergeben werden konnte. Bei der Weiterfahrt wurden in Ödenburg in der Eile 30 Personen zurückgelassen, als der Zug plötzlich losfuhr.

In Wesprim traf man erstmals auf die Flüchtlinge der Wagenkolonne.

Bei einem Fliegerangriff in Klagenfurt blieb der Zug unversehrt.

Schon in Wien wurde entschieden, wer mit dem Zug nach Bamberg und wer nach Forchheim gebracht wird.

In Neumarkt i. d. Oberpfalz wurden die Flüchtlinge in einem großen Raum in Anwesenheit russischer Zwangsarbeiter einer Entlausung unterzogen.

Am 27. Oktober 1944 erreichte der Zug Forchheim. Die Flüchtlinge wurden von einem Vertreter der Stadt empfangen, in der Jahnhalle neu eingekleidet und in der Kantine der Papierfabrik verköstigt. Die ersten Nächte verbrachten sie in Notbetten in der Jahnhalle. Danach wurden sie zum Teil in Holzbaracken hinter der Papierfabrik, zum Teil bei Bauern in den umliegenden Dörfern Effeltrich, Schlaifhausen, Wiesenthau, Baiersdorf, Hiltpoltstein und Kersbach einquartiert.

Bereits am 29. Oktober 1944 ist der erste Kleinbetschkereker als Arbeiter in der Weberei vermerkt. Weitere Leute arbeiteten in der Papierfabrik oder bei Bauern in den genannten Dörfern.

Zu den Familien, die damals in Forchheim landeten, gehörten die Familien Dittrich, Dix, Frey, Jung, Krier, Littich, Pawlovitsch, Paul, Pest, Reuter, Schmidt, Schuller und Unterreiner.

Die Sehnsucht nach der Heimat und die Sorge um die Angehörigen daheim waren immer präsent. So entschloss sich Familie Frey im Sommer 1947, nach Kleinbetschkerek zurückzukehren. Am 3. Juli 1947 trafen sie dort ein und waren entsetzt. Ein Zurück nach Forchheim war lange Zeit nicht mehr möglich. Erst 1981 gelang es Anna Hell, geb. Frey, über Jugoslawien zu flüchten und wieder nach Forchheim zu kommen.

 

  III.            Die Lage der im Dorf verbliebenen Landsleute

Während die Hälfte der deutschen Bevölkerung von Kleinbetschkerek das Dorf Richtung Westen verlassen hatte und die jungen Männer noch an der Front kämpften, blieben mehrheitlich nur ältere Leute, Kinder und einige Familien zurück, die sich nicht zur Flucht entscheiden konnten.

Die Lage im Dorf wurde täglich schlimmer, zumal sich die Gemeinde mitten im Frontgebiet befand.

Am 20. September 1944 wurde Kleinbetschkerek von Russen besetzt. Die zurückgebliebene Bevölkerung erlebte schlimme Zeiten. Innerhalb einer Woche gab es zahlreiche zivile Opfer durch Luftangriffe, Artilleriebeschuss und Erschießung zu beklagen. Viele mussten Demütigungen, Plünderungen und Vergewaltigung über sich ergehen lassen. Pfarrer Michael Willjung hat diese Opfer im Sterberegister mit entsprechendem Vermerk erfasst.

Am 15. September 1944 verstarb Georg Hackbeil (72), am 19. September erlag Katharina Weber (17) ihren Verletzungen. Beide waren beim Beschuss des Dorfes von Granatensplittern getroffen worden.

Nächstes Opfer des Beschusses wurde am 20. September Nikolaus Kreiling (66). An diesem Tag besetzten die russischen Truppen das Dorf. Johann Littich (17) und Lambert Schibinger (52), die ins Dorf zurückkehren wollten, wurden von den Russen der Spionage bezichtigt und hinter dem Bahndamm erschossen.

Vier Tage später bombardierten deutsche Stukas russische Stellungen am Dorfrand. Opfer dieser Bombardierungen wurden Nikolaus Becker (57), Josef Thierjung (55) und zehn Mitglieder von Roma-Familien.

Weil er seine Tochter vor Vergewaltigung schützen wollte, wurde Nikolaus Sieber (45) am 25. September von russischen Besatzern erschossen. Vom 24. September bis 20. Oktober 1944 starben noch weitere 6 Personen im Alter von 75 bis 91 Jahren an „Altersschwäche“.

Am 29. September wurden die Dorfbewohner aufgefordert, das Dorf zu verlassen und nach Sanktandres zu ziehen, wo sie neun Tagen bleiben mussten. Sie zogen meist zu Fuß mit Handwagen bis Neubeschenowa und dann weiter bis Sanktandres. Die Alten blieben oft auf der Strecke. Der 91-jährige Johann Brüfach brach schon am Dorfrand zusammen und starb. Da der Friedhof unter Beschuss stand, waren keine Beerdigungen möglich und auch Särge gab es keine. Die Toten wurden in den Hausgärten beerdigt und laut Pfarrer Willjung, erst nach dem Abzug der russischen Truppen auf den Friedhof umgebettet und eingesegnet.

Am 18. Oktober plünderten Tito-Partisanen das Dorf und terrorisieren besonders die zurück gebliebenen Deutschen. Auch Peter Bappert (mein Großvater), der im Dorf geblieben war, wurde fast zu Tode geprügelt.

Die russischen Truppen wurden am 27. Oktober aus der Gemeinde abgezogen.

Am 14. Januar 1945 wurde das Dorf von rumänischem Militär umstellt. 170 Deutsche (64 Frauen zwischen 18 und 33 und 106 Männer zwischen 17 und 45) wurden zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt. Einige gelangten später mit Krankentransporten nach Deutschland. Die Meisten Deportierten durften erst wieder im November 1949 nach Hause. In den sowjetischen Arbeitslagern sind 39 Personen (9 Frauen und 30 Männer) gestorben.

Eine am 9. Februar 1945 erfolgte Erfassung der Dorfbewohner ergab 730 Deutsche (von ehemals 2300), 350 Rumänen, 340 Serben und 50 Roma.

Die Häuser der geflüchteten Deutschen wurden am 28. März 1945 durch die örtlichen Behörden rumänischen Kolonisten zugeteilt. Dabei gab es zahlreiche Übergriffe auf die daheimgebliebenen alten Leute. Ein Augenzeuge berichtete, dass er als Ministrant erlebte, wie eine ältere Frau vor der heiligen Messe verzweifelt in die Sakristei kam und dem Pfarrer berichtete, dass Kolonisten ihren Mann verprügelten, da dieser nicht das Kleinhaus räumen wollte. Pfarrer Willjung habe daraufhin die in der Kirche anwesenden Männer um Hilfe gebeten. Sie seien dem Aufruf gefolgt und ins Nachbarhaus zu Hilfe geeilt.

Am 12. April 1945 wurde den zurückgebliebenen Deutschen durch das am 23. März verabschiedete Bodenreformgesetz der Haus- und Bodenbesitz enteignet.

Im Juni 1946 zählte die Gemeinde 2363 Einwohner: 1052 Rumänen, 743 Deutsche, 403 Serben, 124 Roma, 17 Ungarn und 24 Bewohner anderer Nationalität.

Im Juni 1951 hat das kommunistische Regime ca. 246 Kleinbetschkereker Familien (auch Serben, Rumänen und Mazedonier) in die Bărăgansteppe zwangsumgesiedelt. Darunter befanden sich auch 83 deutsche Familien (insgesamt 189 Personen).Bis zur Entlassung im Januar 1956 starben 18 Deutsche in der Verbannung.

Pfarrer Michael Willjung wurde im August 1951 verhaftet und wie viele andere katholische Geistliche in einem Schauprozess zu neun Jahren Kerker verurteilt. Nach seiner Entlassung im Jahre 1960 folgten drei Jahre Zwangsaufenthalt in der Bărăgansteppe. 1963 wurde er in die Bundesrepublik ausgewiesen.

1958 durften die ersten Kleinbetschkereker (Mathias Reuter und Peter Neumann) zu ihren Familien in den Westen ausreisen. Die Ausreisewelle setzte sich ab 1960 fort und endete erst 1990 nach der politischen Wende, als fast alle Deutschen aus Kleinbetschkerek ihren Heimatort verlassen haben.

 

(Erschienen in der Banater Post Nr. 19 vom 05.10.2019, Seite 6-7)

 


B I L D E R

(Bildmaterial: Archiv HOG Kleinbetschkerek)

 

Als der Flüchtlingstreck am 16. September 1944 aufbrach, läuteten die Glocken der Kleinbetschkereker Kirche

 

Kleinbetschkereker nach ihrer Flucht in Peterskirchen bei Ried im Innkreis (Zeitungsausschnitt)

 

Die Route des Flüchtlingstrecks von Kleinbetschkerek  bis Ried im Innkreis

Route der mit der Eisenbahn bis Forchheim geflüchteten Kleinbetschkereker

 


 

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